Leipzig Island. Eine Spurensuche

»Leipzig raus aus Sachsen« plakatierte DIE PARTEI in den lokalen Wahlkämpfen des Jahres 2019. Und auch in Kreisen der Linkspartei wurde ernsthaft darüber diskutiert, Leipzig aus Sachsen herauszulösen und zu einem Stadtstaat zu machen. Woher kommen diese Bestrebungen? Leipzig gilt als Sonderfall in Sachsen und darüber hinaus. Lebendige und vielfältige kulturelle und politische Szenen entfalten bundesweite Anziehungskraft, während »der Osten« sonst eher als No-Go-Area gilt. Was macht also Leipzigs besonderes Klima aus?
Eine Spurensuche von Juliane Nagel ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Leipzig ist eine Insel im schwarz-blauen Sachsen. Das gesellschaftliche Klima gilt als offen, die Stadtgesellschaft als bewegt und demokratiefreudig. Leipzig ist die einzige sächsische Stadt, die sich zum »sicheren Hafen« für aus dem Mittelmeer gerettete Geflüchtete erklärt hat. Trotz heftiger Anfeindungen aus dem Regierungsblock in Dresden konnte sich hier eine alternative und politische linke Szene ausbilden, die bundesweite Strahlkraft entfaltet.

Mythos Connewitz

Connewitz ist einer von insgesamt 95 Leipziger Stadtteilen. Doch kein anderer dürfte über einen vergleichbaren Bekanntheitsgrad verfügen. Connewitz wird geliebt und gehasst, Connewitz ist positive Projektionsfläche für Revolutionsromantik und negative für das Ausmerzen linker Politik und alternativer Lebensstile. Und all das fußt in der unmittelbaren Wendezeit.

Schon in den Endzügen der DDR wuchs in Leipzig, explizit Connewitz, eine Bewegung für die Rettung der vernachlässigten Altbausubstanz und damit gegen die staatlichen Pläne, Connewitz weitestgehend zu einem Plattenbauviertel zu machen. Vor der Realisierung des Abrisses von Gründerzeit-Häusern wurde ein Teil der Häuser Studierenden als Übergangswohnung zur Verfügung gestellt. Damit entwickelte sich Connewitz zum Zentrum alternativer Kultur von Demokratie- und politisch Bewegten. Nebenbei trieb auch das »Schwarzwohnen« als Form der Selbsthilfe und vielmehr Freiraumgewinnung im Viertel seine Blüten.

Im Zuge der politischen Wende und des damit politisch durchgesetzten Abrissstopps (1) konnten Hausbesetzungen also vor allem an das Milieu der vielfältigen Nutzungen bzw. Nutzer*innen anknüpfen.

Die Besetzer*innenszene wandelte und politisierte sich in den Anfangsjahren der 1990er auch über das Ziel des Substanzerhalts der Häuser hinaus. In diesem Windschatten häuften sich Auseinandersetzungen mit Neonazis. Diese überfielen regelmäßig das Viertel und griffen besetzte Häuser an, deren Bewohner*innen sich schlagkräftig verteidigten. Eine anfängliche informelle Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei zerbrach infolge einer heftigen Straßenschlacht im November 1992. Die Stadt änderte ihre Linie im Umgang mit Connewitz.

Debatten über die Gewaltfrage waren innerhalb der Szene aus Besetzer*innen und Symphatisant*innen schon damals virulent und führten zu Spaltungen und Fragmentierungen. Summa summarum erreichten zwölf besetzte Häuser 1996 ihre Legalisierung und befinden sich noch heute samt weiteren in den Händen der Alternativen Wohnungsgenossenschaft (AWC). Die Motivation der Leipziger Stadtverwaltung, diese Legalisierung zu betreiben, war und ist bis heute eine Befriedung der politischen Szene. Doch dieses Ansinnen konnte und wollte nie erfüllt werden, schon weil die AWC weder den Anspruch hatte, die Szene aus subkulturell und politisch orientierten Menschen zu repräsentieren, noch diese Vielfalt auch real abbildete.

Aus dieser Zeit rührt wohl auch der Irrglaube, welchem sowohl Konservative und Rechte als auch Teile der Behörden anhängen, dass das Zentrum der damaligen Besetzungen, die Stöckartstraße (»Stö«), auch heute Schwerpunkt dissidenter Politik sei.

In diesen Anfangsjahren siedelten sich zahlreiche Projekte mit lokaler, aber inzwischen auch internationaler Bedeutung, wie die Liwi, das Zoro oder das Conne Island im Viertel an. Der Mythos Connewitz bleibt einerseits ein wichtiger Anziehungspunkt für junge Menschen, die nach Leipzig ziehen, andererseits gleichzeitig Reibungsfläche für konservative Law-and-order-Politik.

Schon 1989: Gegen den Strom

Schon im Windschatten der Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 bildete sich eine politische Bewegung heraus, die sich der aufstrebenden Neonazi-Szene zu widersetzen begann. Gegen den Strom organisierten maßgeblich junge Leute aus dem Umfeld des so genannten »Mockauer Kellers« (2) antifaschistische Aktionen gegen die zunehmend nationalistisch geprägten Montagdemonstrationen. Zuerst laut, und dann aufgrund der Angriffe und Titulierungen als »Stasischweine« und »Systemtreue« still. In diesem Kontext gründeten diese Menschen auch die Initiative »Reaktion«, die sowohl politisches Engagement in der sich auflösenden DDR als auch alternative kulturelle Linien schuf. Legendenstatus erreichten die so genannten »Reaktions-Konzerte«. Um »Reaktion« sammelte sich ein großer Sympathisant*innenkreis aus Punk und Hardcore, Independent-, Grufti-, Skinhead- und Metalszene, sodass sich bald die Frage nach einem eigenen Objekt stellte. 1992 eignete sich dieser Kreis das ehemalige Jugendklubhaus »Erich Zeigner« – auch »Eiskeller« genannt – in Connewitz an. Das daraus entstehende Zentrum »Conne Island« fungierte über Jahre als Zentrum linker und linksradikaler Politik und Kritik in Leipzig und darüber hinaus und wirkte durch sein vielfältiges kulturelles Engagement entscheidend auf diverse Jugendkulturen zurück, sozialisierte und politisierte. Aus dem Conne Island heraus wurden durch die 1990er Jahre zentrale Debatten der radikalen Linken geführt und qualifiziert, etablierte sich erfolgreiche Bündnispolitik (z.B. gegen Neonazi-Hegemonien in Wurzen 1996, gegen akzeptierende Jugendsozialarbeit mit Rechten in Leipzig-Grünau 1998/99, gegen Überwachungswahn und Kontrolle 1999/2000) betrieben und gegen neue deutsche Kriege und die deutsche Vormachtstellung (2001).

Insbesondere die ausgeprägte Alternativkultur und die von der radikalen Linken in den 1990ern geführte Bündnispolitik wirkten in hohem Maße auf die gesamte Stadt und Stadtpolitik zurück. Kein Neonazi-Aufmarsch blieb unbeantwortet, keine Law-and-Order-Linie geduldet. Linke antifaschistische Gruppen, die sich in anderen Stadtteilen gründeten, waren eng mit der Connewitzer Szene verbunden. Als aus der Antifa-Szene in Connewitz 1998 gegen die akzeptierende Jugendsozialarbeit mit Neonazis im von der Stadt geförderten »Kirschberghaus« durch klassische, auch militante Antifa-Art interveniert wurde, vergaß man nicht, einen fachpolitischen Diskurs in der Stadt anzuzetteln und zu gestalten. Dieser führte dazu, dass die Stadt Leipzig sich offiziell von diesem zweifelhaften »Konzept« verabschiedete, einen Maßnahmenkatalog verabschiedete und ein eigenes Fachreferat gründete.

Die offizielle politische Gangart

Der Umgang der Stadtverwaltung und -politik mit der alternativen und politischen Szene kann rückblickend auf die vergangenen 30 Jahre als entspannt bezeichnet werden. Ausnahmen, wie der harte Kurswechsel 1992, bestätigen hier die Regel. Seinerzeit rief der damalige Oberbürgermeister die so genannte »Leipziger Linie« aus, nach der neue Hausbesetzungen sofort wieder geräumt werden. Damit sollte die Ausweitung der Hausbesetzer*innenszene auf die gesamte Stadt, die sogenannte »Dezentralisierung« verhindert werden. Von einer durchgehend harten Hand kann allerdings nicht gesprochen werden. Der Technoclub »Distillery«, der 1992 in einer leerstehenden Brauerei in Connewitz eröffnet wurde und zur Blüte kam, musste 1995 wegen der fehlenden Konzession schließen, fand aber nach zahlreichen Protestaktionen am Neuen Rathaus alternative Räumlichkeiten in der benachbarten Südvorstadt.

Politische Leuchttürme wie das Conne Island wurden und werden von der Stadt Leipzig gefördert oder wie im Fall der Legalisierung des Hausprojektes Zoro und unzähliger Wagenplätze nicht behindert. Auch dem in regelmäßigen Abständen aufschwelenden Druck aus dem CDU-geführten Innenministerium, doch endlich gegen die linke Szene und ihre Domizile vorzugehen, erwehrte sich das seit 1990 von SPD-Oberbürgermeistern geführte Rathaus. Das heißt nicht, dass es nicht regelmäßig auch zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten kam und kommt und die Stadtverwaltung auch hier und da versucht(e), mäßigend auf linksalternative Projekte einzuwirken.

Im Leipziger urbanen Westen – Plagwitz und Lindenau – und zunehmend im Osten um die Eisenbahnstraße bilden sich neue Zellen alternativer Kultur und linker Politik, die sukzessive expandieren. Insbesondere dort entwickeln sich seit etwa zehn Jahren Selbstverwaltungsstrukturen, die marode Häuser auf legalem Wege in Besitz nahmen. Das Mietshäusersyndikat, Genossenschaften wie die Sowo oder andere gemeinwohlorientierte Akteure versuchen dem explodierenden Immobilienmarkt zu trotzen und Inseln alternativen Lebens auf Dauer zu erhalten.

Ein seit 1990 von SPD, LINKE und Grünen dominierter Stadtrat flankiert und befördert dieses Vorgehen.

Klar ist: Dieses protegierend-kritische Agieren der offiziellen Verwaltung ist nicht uneigennützig. Schließlich wird Leipzig durch die lebendige, alternative und antifaschistische Szene zum Kontrapunkt zum »anderen Sachsen«, wo die CDU ihren Schleier über Landkreis- und Gemeindeverwaltungen gelegt hat, wo sich regierende rechte Politiker*innen sowie eine ultrakonservativen Bevölkerung gegenseitig befeuern und damit unterm Strich der AfD einen wunderbaren Nährboden bereitet haben. Die Leipziger Stadtverwaltung weiß gerade in den aktuellen Zeiten, dass das »weltoffene« Image von Leipzig als Magnet für junge, selbstbestimmungsorientierte Menschen funktioniert, ältere gewordene Aktivist*innen in der Stadt hält und damit den Leipzig-Boom befeuert.

Von der schrumpfenden zur wachsenden Stadt

Neben den politischen und kulturellen »weichen« Faktoren sind sozioökonomische Faktoren allerdings nicht zu unterschlagen. Leipzig war über Jahre Refugium für Freiräume. In dem von unten erschaffenen und politisch flankierten offenen Gesellschaftsklima ließen sich Kulturschaffende, Kleingewerbe wie auch Lebenskünstler*innen nieder und profitierten von den niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten. Neue kulturelle Leuchttürme wie das Spinnereigelände im Leipziger Westen entstanden, Künstler*innen oder studentische WGs bevölkerten unsanierte Häuser, Hausprojekte wurden gegründet und kollektiv übernommen.

»Arm, aber sexy«, hieß es wie in Berlin. Allerdings mit der Differenz, dass das in der Stadt virulente Armutsproblem in Leipzig gern unter den Tisch gekehrt wird. Über Jahre war die Schattenseite des Freiraum-Images der Titel als Armutshauptstadt Deutschlands, was vor allem Bevölkerungsteile in den Plattenbauvierteln am Rande der Stadt, aber auch die zuziehenden Studierenden betraf und betrifft.

Studierende aus dem Westen zog es seit jeher nach Leipzig. Die breit aufgestellte Universität war und ist ein Anziehungsfaktor für jüngere Menschen, die hier nebenbei von den niedrigen Mieten und dem reichhaltigen kulturellen Angebot und politischen Szenen profitieren konnten. Die meisten Studierenden prägen die Stadt aber eher temporär, denn Jobperspektiven und das Einkommensniveau sind im Vergleich zum Westen weiterhin zu schlecht. Statistische Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass ältere Generation der Zugezogenen nicht nur über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, sondern auch über ein besseres Einkommen als hier Geborene.

Seit 2010 wendet sich das Blatt. Aus Leipzig wird auch in überregionalen und internationalen Medien »Hypezig«. Vor allem der Immobilienmarkt zieht an, Leipzig ist von der schrumpfenden zur am stärksten wachsenden Stadt der Bundesrepublik geworden. Vor allem bezahlbarer Wohnraum wird knapp und die Mietpreise der zahlreichen Neubauten übersteigen selbst die ökonomischen Möglichkeiten der Mittelschicht. Wie in anderen Schwarmstädten macht sich das Kapital dabei Lebensstile und alternativ geprägte Viertel als Werbebanner zunutze. Linke Zentren wie das Conne Island oder von Kulturpionier*innen erschlossene Projekte wie die »Spinnerei« in Plagwitz sind längst zu Motoren der Aufwertung geworden.

Wiederentdeckung

Der Mythos Connewitz und eine ausgeprägte Alternativkultur mit eigenen Freiräumen, aber auch eine schlagkräftige radikale Linke, die Stichwortgeberin sowohl für kommunale Politiken wie bundesweite politische Debatten, aber auch Bewahrerin der Wehrhaftigkeit gegen eine erstarkende, gewalttätige Neonaziszene war, prägte das Bild Leipzigs maßgeblich und übte einen Sogeffekt auf zunächst vor allem junge Menschen aus dem Osten aus.

Die 2000er Jahre schienen zunächst durch ein Vergessen geprägt zu sein. Der »Aufstand der Anständigen« (3), aber auch die starke Intervention der Antideutschen lähmten die politische Szene wahrnehmbar. Aktivist*innen der ersten Stunden wurden älter und leiser, Ost- und Westidentitäten vermischten sich mehr und mehr.

Doch gerade im Kontext des Erstarkens der AfD und der Jubelfeiern um 30 Jahre Wende wächst das Interesse gerade auch zugezogener Wessi-Linker an den Entwicklungen der Wendezeit und des Ostens. Die Initiative »Aufbruch Ost« aus Geschichtsinteressierten und Aktivist*innen will vor allem die Geschichte des ökonomischen Zusammenbruchs der DDR und dessen Profiteur*innen aus dem Westen aufarbeiten, auch um dem plumpen und völkisch-nationalistischen Wende- und Ost-Bezug von Pegida und Co. entgegenzutreten. Dieser Ansatz ist goldrichtig, läuft aber auch Gefahr, die tief verwurzelten rassistischen, autoritären Denkmuster von Ostdeutschen, die ihre Ursachen nicht erst in der Wendezeit haben, in ökonomistischer Manier unter den Tisch zu kehren.

Der »Initiativkreis 9. November« verknüpfte am 9. November 2018 in Leipzig die Erinnerung an 80 Jahre Pogromnacht mit der Erinnerung an eine unangemeldete antifaschistische Demonstration, die im Jahr 1988 zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome stattfand und damit vermutlich eine der ersten und größten unangemeldeten Demonstrationen in der DDR darstellte.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Nur wenige Bürgerrechtler*innen der Vor- und Wendezeit bekennen sich zu Grundrechten und mischen im Gegensatz zum Gros ihrer ehemaligen Mitstreiter*innen in linken Kontexten mit.

Dies sind aber wichtige Chancen, um Geschichtsvergessenheit oder Wissens-Gaps zu überwinden und an emanzipatorischen Linien anzuknüpfen.

Wohin es in und mit Leipzig geht, ist nicht ausgemacht. Der Aufwertungsdruck nimmt wichtige Freiräume und die Gentrifzierung wütet klassischerweise gerade in den von Alternativen und Linken neu erschlossenen Vierteln am heftigsten. Auch in Leipzig werden die politischen Mehrheitsverhältnisse zunehmend instabiler. Die AfD konnte ihr Ergebnis bei den Kommunalwahlen 2019 um 8,5 % auf fast 15 % erhöhen. Bei der jüngsten Oberbürgermeisterwahl setzte sich der westsozialisierte SPD-Amtsinhaber Burkhard Jung nur sehr knapp gegen seinen sich hip und großstädtisch gebenden ostsozialisierten Kontrahenten der CDU, Sebastian Gemkow, durch. Dessen Vater war in den Umbruchsjahren nach 1990 Ordnungsbürgermeister in Leipzig.

Fußnoten

(1) Im Januar 1990 fand eine so genannte Volksbaukonferenz statt. Bürger*innen, Architekt*innen und Stadtplaner*innen forderten dort einen Abrissstopp und den Erhalt der historischen Bausubstanz. Daraufhin wurde zunächst ein Abrissstopp angeordnet.

(2) Offener Treff in einer Kirche in Leipzig-Mockau, wo sich neben der Jungen Gemeinde bereits ab Mitte der 1980er vor allem Punks trafen

(3) »Aufstand der Anständigen« Schlagwort des damaligen SPD-Kanzlers Schröder nach einem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge am 2. Oktober 2000. In dessen Folge wurden Programm gegen rechte Einstellungen und Organisierung aufgelegt. In der radikalen Linken wurde diese von oben ausgerufene »Bewegung« kritisch und argwöhnisch begleitet, wies man doch selbst seit vielen Jahren erfolglos auf die rechte Bedrohung und die tiefe Verwurzelung von Ideologien der Ungleichwertigkeit hin.

erschienen in: Forum Wissenschaft 2/ 2020

 

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