Kolonialgeschichte aufarbeiten und kritisch in der städtischen Erinnerungskultur verankern!

Der Stadtrat hat in seiner Sitzung am Donnerstag, 12.11.2020 den Antrag der Linksfraktion „Leipziger Kolonialgeschichte in die Erinnerungskultur aufnehmen“ beschlossen.
Damit ist der Weg geebnet, dass sich Leipzig endlich einem blinden Fleck der Stadtgeschichte widmet: Der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit.
Meine Rede zum Antrag:

Infolge der gewaltsamen Tötung von George Floyd in Minneapolis erhoben sich weltweit Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus. Am 7. Juni demonstrierten auch in Leipzig 12.000 Menschen unter dem Motto Black lives matter.

Die Proteste waren und sind vehement, laut und zum Teil heftig. Zurecht. Sie thematisieren eine jahrhundertelange Geschichte von Unterdrückung, Ausgrenzung und Gewalt gegen schwarze Menschen

Mit den Protesten der Black-lives-Matter-Bewegung in Deutschland wurde auch der Ruf nach einer Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit laut. Ab dem 15. Jahrhundert machten sich die Staaten der westlichen Welt auf Kreuzzüge in die Gebiete des globalen Südens, nahmen diese in Besitz und unterwarfen, vertrieben und ermordeten die ansässige Bevölkerung.

Auch das deutsche Kaiserreich gehörte zu den Kolonialmächten.

Die kolonialen Ausbeutungs- und Unterdrückungs-Praxen war rassistisch. Die ansässigen Menschen wurden zumeist als unterentwickelt betrachtet, die es nach den eigenen westlichen Prämissen zu zivilisieren galt. Zur kolonialen Praxis gehörte nicht allein der Raub von wirtschaftlichen und und kulturellen Gütern aus den eroberten Gebieten, sondern auch das Anwerben von Menschen für so genannte „Völkerschauen“. Und spätestens an diesem Punkt führen die Spuren direkt nach Leipzig, unter anderem in den Zoo. Bei diesen Schauen wurden Menschen nicht nur ausgestellt, sondern auch als „primitiv“ und andersartig dargestellt. Bilder über schwarze Menschen, die sich bis heute in vielen Köpfen halten und den Alltagsrassismus und strukturelle Diskriminierung anfeuern.

Die Debatte um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit hat auch in Leipzig begonnen. Denn: Die Spuren führen nicht nur in den Zoo, sondern auch ins Leipziger Verlagswesen, in Universitäten, Museen, die Messe bis in den Clara-Zetkin-Park. Auch Leipziger Straßen trage Namen von Akteuren, die aktiv an kolonialen Praxen beteiligt waren, wie die nach dem Zoogründe benannte Ernst-Pinkert-Straße. Sie erinnern sich sicher an den Juli 2020 als im Rahmen einer Einwohnerinnenanfrage offensive die Frage gestellt wurde ob die Benennung von Straße und Schule nach einem Mann, der sich an dem Menschenrechtsverbrechen der Völkerschauen beteiligt hat, noch tragbar wäre. Und bereits hier begann die Kontroverse um die Frage ob Denkmäler, die heute an menschenfeindliche und antidemokratisch Akteure erinnern und diese auch würdigen, gestürzt werden sollten oder ob sie als Mahnbilder stehen und Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit unseren Vergangenheit fungieren sollen.

Wir haben diese Debatte mit unserem Antrag aufgenommen. Wir wollen, dass sich die Stadtverwaltung mit der Kolonialzeit als bisher blindem Fleck in der städtischen Erinnerungskultur auseinandersetzt.

Die Frage nach dem Umgang mit problematischen Straßennamen ist dabei nur ein Teil der Debatte. Es geht auch um Sichtbarmachung bisher unsichtbarer Orte kolonialer Entmenschlichung, um Entschuldigung bei und auch Entschädigung von konkreten Menschen. Es geht darum, den Rassismus der Gegenwart in seiner kolonialen Tradition zu verstehen und zu überwinden. Und das auch, aber nicht vor allem in Museen und wissenschaftlichen Debatten. Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung, die vor allem auch die Rolle staatlicher Behörden oder aber dem noch immer kolonial geprägten Umgang mit Ländern des globalen Südens zum Beispiel in der Entwicklungspolitik einschließt. Genau so wie es Black lives matter einfordert.

In der lokalen Auseinandersetzung gehört dazu, dass sich Institutionen wie der Zoo nicht sofort angegriffen fühlen und zu relativieren beginnen, wenn Engagierte und Betroffene auf die Leerstellen ihrer eigenen Geschichtsschreibung hinweisen.

Einen offensiveren Weg schlagen in Leipzig das Museum für Völkerkunde und das Stadtgeschichtliche Museum ein. Beide Akteure beginnen sich mit dem kolonialen Erbe ihres Hauses, ihrer Sammlungen und der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen. Wir wollen, dass die Verwaltung mit den einschlägigen Institutionen einen breiteren konzeptionellen Aufschlag zur kritischen Aufarbeitung der Leipziger Kolonialgeschichte erarbeitet und dabei, und das ist uns besonders wichtig, zivilgesellschaftIiche Initiativen wie die AG Postkolonial oder die Initiative Schwarzer Deutscher beteiligt. Auch in der Debatte im Migrantenbeirat wurde darauf hingewiesen, dass es in diesem Prozess auch darum gehen muss die Perspektive zu wechseln und darauf zu achten nicht allein die üblichen Kreise weißer Expert*innen zu konsultieren, sondern offensiv Akteure einzubeziehen, die die Perspektive der unterrepräsentierten Betroffenen einnehmen können.

Unsere konkreten Vorschläge für das in zu erarbeitende Konzept können sie im Antrag nachlesen, die Neufassung hat diese noch etwas geschärft. Und um es am Ende klar zu sagen: Wir wollen kein Patentrezept für den Umgang mit Spuren des Kolonialismus präsentieren, wir hoffen, dass dies Teil der gemeinsamen Debatte wird.

Der Antrag wurde beschlossen.

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