Kritik an Abendveranstaltungen im Leipziger Zoo: Aus Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit müssen auch Schlüsse für die Gegenwart gezogen werden

Der Stadtrat hat am 18. Mai auf Antrag des Migrant*innenbeirats beschlossen, dass der Zoo drei Veranstaltungen, in denen Stereotype und Vorurteile gegenüber Menschen aus bestimmten Teilen der Welt (den Kontinenten Afrika, Asien, Südamerika) reproduziert, konzeptionell überarbeitet und dabei kundige Partner*innen ins Boot holt. Die neuen Veranstaltungsformate sollen „in aufklärerischer Absicht, einen differenzierten und reflektierten Einblick in historische, gesellschaftliche und kulturelle Strukturen und Zusammenhänge unterschiedlicher Länder und Kontinente vermitteln.“ Ebenfalls soll der Zoo seine Rolle bei der kolonialen Ausbeutung von Menschen weiter aufarbeiten. Meine Rede:

„Fast zwei Jahre ist es her, dass George Floyd in Minneapolis durch die Gewalt eines Polizeibeamten zu Tode kam. Der rassistisch motivierte Mord führte zu internationalen Protesten gegen Rassismus und gegen rassistische Polizeigewalt Auch in Leipzig demonstrierten im Juni 2020 15.000 Menschen. Sie forderten nicht nur Maßnahmen gegen Alltags- und institutionellen Rassismus sondern einen expliziten Fokus auf die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und Leipzig. Denn in der Ausbeutung und Erniedrigung von Schwarzen, indigenden und People of colour, Menschen aus dem globalen Süden liegen die Wurzeln des Rassismus, der auch heute noch tief in unsere Gesellschaften eingewoben ist.

Die kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung führt uns vor Augen, wie gross das Problem ist: Mehr als ein Fünftel der Befragten hat bereits Rassismus erfahren. Fast die Hälfte der Deutschen glaubt noch an menschliche Rassen. Zwar anerkennt eine große Mehrheit, dass es in Deutschland Rassismus und Diskriminierung gibt, fast die Hälfte meint allerdings auch, dass die Kritik daran übertrieben ist.

Und diese Perspektiven lassen sich mit Fug und Recht auf die Debatte übertragen, die wir im Kontext der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit des Leipziger Zoos und seiner heutigen Praxen führen:

Seit fast zwei Jahren versucht der Migrantenbeirat, versuchen auch Stadträt*innen, versuchten auch wir als Fraktion mit dem Zoo ins Gespräch über die Aufarbeitung dessen kolonialer Vergangenheit ins Gespräch zu kommen. Und, ja es hat sich einiges getan bei der Aufarbeitung der unrühmlichen Geschichte der Menschenschauen, in deren Zuge schwarzen Menschen auch im und vom hiesigen Zoo ausgestellt wurden. Ihnen wurde damit ihre Würde geraubt. Und wir müssen uns genau heute dazu verhalten. Wir müssen heute mit dieser Praxis ins Gericht gehen. Dazu gehört eine kritische Aufarbeitung wie es Initiativen wie die AG Postkolonial, die Initiative Schwarzer Menschen, aber auch Institutionen wie das Grassi, das Stadtgeschichtliche Museum oder das Museum der Bildenden Künste begonnen haben. Beim Zoo dagegen bleibt das Gefühl des Abwehrreflexes, das Gefühl, dass dieses Kapitel der Geschichte und seiner Auswirkungen auf die Gegenwart zumindest in den Hintergrund gerückt werden soll. Doch wir müssen Erinnerungskultur immer weiter und wieder neu denken, wir müssen den Blick auf unsere Geschichte und deren Aufarbeitung in den Kontext gesellschaftlichen Veränderungen stellen und dürfen eben nicht historisieren!

Der Antrag des Migrant*innenbeirat tut genau dies: die heutige Praxis des Zoos auf den Prüfstand zu stellen. Und da fallen die exotisierenden Abendveranstaltungen (Hakuna Matata, Südamerikaner Abend und Eldorado) in den Blick. Hier werden kulturalisierende Stereotype von Menschen aus Afrika und Amerika präsentiert, hier werden Menschen in Bilder gepresst, die wir als weiße Mehrheitsgesellschaft gern sehen wollen. Und diese Präsentationen von einfachen, tanzenden Menschen fußen auf der Praxis des Kolonialismus, sie sind seine Fortsetzung in der Gegenwart, Und genau damit muss Schluss sein!

Und ich möchte darauf verweisen, dass andere Städte in diesen Prozessen weiter sind. Zum Beispiel Hamburg mit einer eigenen universitären Forschungsstelle zum (post)kolonialen Erbe. Oder der Berliner Zoo mit einer schon einige Jahre währenden kritischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen. Nicht zuletzt ist wichtig: Wenn wir es ernst meinen mit einer weltoffenen, vielfältigen Stadt, dann müssen wir auch die Stimmen derer, die neu hinzukommen, die die von Rassismus betroffen sind, die auch in unseren Reihen unterrepräsentiert sind, hören und ernst nehmen. Es geht hier nicht um eine abgehobene Geschmacks- oder Identitätsdebatte. Es geht hier um Gerechtigkeit und den bewussten Bruch mit Stereotypen und Projektionen auf Menschen. Und es geht schlicht um Konsequenzen aus einer sich wandelnden und erweiternden Erinnerungskultur.

Wir werden dem Antrag des Migrant*innenbeirats zustimmen und hoffen, dass die in der Neufassung zum wiederholten Male ausgestreckte Hand an den Zoo nicht wieder ausgeschlagen wird.“ 

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