Über Religionsfreiheit, Kapitalismus und Sterben in Zeiten von Corona – mit Pfarrerin Christiane Thiel

In der 11. Folge der »linXXnet-talXX« habe ich mit Christiane Thiel, Studierendenpfarrerin in Halle und Autorin gesprochen, die sehr streitbare Positionen vertritt.

Meine Gesprächspartnerin hält die derzeitigen Coronaschutzmaßnahmen und auch die Angst vor dem Virus für total überzogen. Ihrer Ansicht nach sterben überall Menschen, nicht nur an Corona, sondern durch die kapitalistische Produktionsweise.

Die von Bundes- und Landesregierung verhängten Maßnahmen spalten jedoch auch die Studierenden, die sich als Pfarrerin betreut.

Chrisiane Thiel lässt sich in Ihrer täglichen Arbeit als Pfarrer*in vom Corona-Virus nicht beeindrucken und trifft sich auch weiterhin mit den Studierenden, die sie brauchen. Sie mischen sich ein, debattieren und organisieren beispielsweise Unterstützungsaktionen für ökonomisch Benachteiligte im Hallenser Stadtteil Silberhöhe.

Grundsätzlich ist ihre Arbeit, ist die Praxis von Religionsgemeinschaften durch die Einschränkungen massiv betroffen. Gottesdienste durften zunächst nicht und inzwischen nur unter harten Restriktionen stattfinden. Auch das ist ein Eingriff ein Grundrecht. Doch die Kirche lässt das über sich ergehen, kritisiert die Pfarrerin.

Hinter Corona verschwinden wichtige Themen in der öffentlichen Wahrnehmung, zum Beispiel der Klimawandel. so Christiane Thiel weiter. Dabei ist diese Frage, der sozialökologische Wandel, die relevante Zukunftsfrage vor allem für die jungen Generationen. Die Kinder und Jugendliche müssen geschützt werden, das Einsperren gerade von ihnen sei fatal.
Die Bewertung des Virus und die daraus folgenden politischen Maßnahmen sind nach Christiane Thiel falsch. Das Virus tötet vor allem Hochbetagte. Mensch müssten sich allerdings damit auseinandersetzen, dass das Sterben zum Leben dazugehöre.

Linke Theolog*innen wie Dorothee Sölle hätten vor Jahren bereits auf die Folgen des Kapitalismus und der damit einhergehenden Individualisierung hingewiesen. Menschen sollen demnach konsumieren. Wer nicht über Geld verfügt und nicht konsumieren kann, stirbt.

Jenseits von Corona sterben zum Beispiel aller 10 Sekunden Kinder an Unterernährung. Jetzt sterben „alte weiße Männer“ und sofort wird eine Gesellschaft auf Null gefahren.

Christiane Thiel blickt pessimistisch in die Zukunft. Die Gesellschaft werde sich durch Corona und den Kapitalismus noch weiter entsolidarisieren. Auch ist sie davon überzeugt, dass Armut noch offensichtlicher und der globale Süden durch zukünftige Wirtschaftskrisen noch stärker betroffen sein wird.

Jedoch: Widerständig sein, das ist ihre Devise.

Die Position von Christiane Thiel betrachte ich selbst nach Reflexion kritisch. Eine kritische Begleitung staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ist absolut notwendig. Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass Gesundheit im Kapitalismus in hohem Maße vom sozialen Status abhängt. Das heißt, dass Menschen, die ökonomisch benachteiligt sind, auch stärker gefährdet sind. Eine Debatte um schützenswerte und nicht schützenswerte Personengruppen ist gefährlich und nicht links. Es  muss darum gehen Gesundheitsschutz einerseits und Freiheit und soziale Gerechtigkeit andererseits zusammen zu bringen. Zudem sollte eine politische Linke gerade jetzt für eine Gesellschaft streiten, die nicht auf Profit orientiert ist, für einen fundamentalen Wandel der klimaschädlichen Produktionsweise und für eine gerechte Verteilung von Ressourcen.  Es gibt Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und der Verbreitung des Virus. Diese sind allerdings komplex und nicht durch schwarz-weiss-Denken aufzulösen.

Wer mehr über die streitbare Perspektive von Christiane Thiel wissen will, kann sich hier das gesamte Gespräch anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=rmj0Rx9N_MY&feature=emb_title

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