Straßenumbenennungsposse oder: selbst ist der/die Connewitzer*in

Straßenumbenennung scheinen derzeit ein populäres Politikgeschäft zu sein. Während die Grünen Politik mit der Forderung einer „Bürgerinitiative“ für die Umbenennung des Richard-Wagner-Platzes in „Refugees welcome“-Platz machen, wirbt die Partei DIE PARTEI für die Umbenennung der Simildenstraße in „Frau Krause ihre Straße“. 693 Menschen haben diese Forderung bisher unterstützt.

Mit der Umbenennung der Simildenstraße ab der Kneipe „Frau Krause“ bis zur Paul-Gerhardt-Kirche soll einerseits ein „langexistierendes
Paradoxum der Leipziger Straßenbeschilderung“ beendet werden. Vor allem geht es damit aber um die Ehrung der ehemaligen Betreiberin der „Marienburg“, der Vorgängerkneipe der „Frau Krause“. Hannelore Krause hatte die Kneipe mehr als zwanzig Jahre betrieben.
Der Petitionsausschuss der Stadt Leipzig lehnt das Ansinnen der Petition wie erwartet ab, ist sich dabei aber nicht zu blöd auf die falsche Grammatik der vorgeschlagenen Namenskonstruktion „Frau Krause ihre Straße“ zu verweisen. Eher witzig wirkt die Bemerkung „Mit der vorgeschlagenen Possessivkonstruktion würde zudem der nicht zutreffende Eindruck erweckt, dass es sich um eine nicht öffentliche Straße handelt und Frau Krause die Eigentümerin oder Besitzerin der Straße sei.“
Weiterhin argumentiert die Stadt mit der „ausschließlich posthumen“ Ehrung von Personen durch Straßenumbenennungen, was im Fall von Hannelore Krause, die „ihren verdienten Ruhestand genießt“, nicht so wäre.

Als ich vor kurzem durch die Dresdner Neustadt ging, fiel mir an der Bautzner Straße der „Edward-Snowden-Platz“ auf. Im Juni 2015 wurde dieser Platz aus Anlass des 32. Geburtstages des offensichtlich noch lebenden Whistleblowers Edward Snowden offiziell eingeweiht. Dort umbenannte Ort ist allerdings Bestandteil eines Privatgrundstücks.
In der jüngeren Vergangenheit wurden auch in Leipzig Straßen umbenannt – subversiv und temporär. Beispielsweise die Lsteffenthuemstr_biedermann_2_800x600eopoldstraße in „Steffen-Thüm-Straße“ (nach dem 1992 erschossenen Aktivisten Steffen „Thümi“ Thüm) oder die Schenkendorfstraße in Oury-Jalloh-Straße (nach dem 2005 in einer Polizeizelle verbrannten Asylsuchenden Oury Jalloh). Insbesondere die Alternative für Deutschland (AfD) versuchte zudem mehrfach die Umbenennung des Herderparks (den sie qua fehlender Ortskenntnis mit dem Leopoldpark verwechselte) in „Ulrike-Meinhof-Park“ (nach der Publizistin und späteren RAF-Gründerin Ulrike Meinhof) zu skandalisieren.

Straßenumbenennung sind zumeist ein Ringen um politische Deutungsmacht über die Geschichte. Dazu taugt die „Frau-Krause-ihre-Straße“ wenig. Sie vermag die Unflexibilität und Spaßbefreitheit der Stadtverwaltung vor Augen zu führen und taugt Nostalgie und Spaß am Kneipentisch.

Ganz ist die Perspektive auf eine Umbenennung mit der Formulierung des ablehnenden Verwaltungsstandpunkts nicht verloren. Der Leipziger Stadtrat muss noch über die Empfehlung des Petitionausschusses befinden und kann dem Anliegen durchaus zustimmen. Die Chancen dafür stehen wohl eher schlecht.
Doch selbst ist der/die Connewitzer*in. Eine Umbenennung des „Ausreißers“ der Simildenstraße wäre damit nicht vom Tisch. Ob dies (derzeit) politische Priorität genießt, mag jedeR selbst entscheiden.

Bildquelle: http://thuemi.de

Ein Gedanke zu „Straßenumbenennungsposse oder: selbst ist der/die Connewitzer*in“

  1. Es geht auch dumpf und unkonventionell: https://scontent-frt3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xfa1/v/l/t1.0-912310624_924123040990549_8647974377582402113_n.jpg?oh=8a34949c89202ec95c26b7a2ba28195a&oe=56DD060B (in Reudnitz)
    oder würdevoll:
    https://ecoleusti.files.wordpress.com/2013/08/p1190115.jpg
    oder mit Widerstand wie in Hamburg vor ein paar Jahren wo Aktivist_innen bei einer spontanen Umbenennung festgenommen worden sind.

    Festzuhalten bleibt, so mensch sensibel ist und empathisch gegenüber verfolgten Minderheiten in Geschichte und Gegenwart sein will, dass es in LE noch eine Menge zu tun gibt.

    Was ist beispielsweise mit dem Willhelm Leuschner Platz in Leipzig?

    Er brachte am 22.8.1928 als Innenminister von Hessen den „Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ ein. Mit dem Gesetz wurde die Daktyloskopie(-pflicht) für Sinti und Roma in D als erstes eingeführt und das weltweit. Vor 1933 tat sich also ein Sozialdemokrat daran die Massenerfassung und somit -vernichtung an den Sinti und Roma im NS systematisch vorzubereiten. Eine Schande für Leipzig, dass es hier solch ein Platz gibt! Generell tut mensch sich schwer mit postkolonialer Kritik in einer von Weißen dominierten vermeintlich antirassistisch gebenden Öffentlichkeit aber auch „Wissenschaft“. Ungebrochene weiße Dominanzstruktur kann mensch das nennen, aber wir diskutieren ja lieber über brennende Mülltonnen in Leipzig anstatt der Erkenntnis der „Wissenschaft“ Gehör zu verleihen und den vielen gesprochenen Worten endlich Taten folgen zu lassen.

    Frau Krause Ihre Straße überdies ist nicht nur promillierte Alltagskultur sondern auch Ausdruck mit der eigenen Geschichte lustig umzugehen. Wer zu Hause kein selbiges fand ertrank es eben in der Kneipe oder traf sich zum politischen Gespräch. Das war vor 1989 in Connewitz so und wird es wohl auch nach 1989 gewesen sein. Oder wann haben Sie ihr letztes Bierchen getrunken Frau Nagel? Auf die Einlösung unseres Schnapsausschankes und selbiger Leerung mit ihnen warten wir nun schon fast über einem Jahr. Oder trinken Sie nicht mit Anzugträger_innen?

    Michael Rösler – Das Original!

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