Solidarität mit den von Antiziganismus Betroffenen in Tschechien

Am vergangenen Wochenende gab es in Tschechien wiederum antiziganistische Versammlungen. Im Visier der ProtestlerInnen, die sich bei weitem nicht nur aus dem Neonazi-Milieu speisen sind die dort lebenden Roma, eine Minderheit, die auch von Staats wegen von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung betroffen ist. AntifaschistInnen rufen zu Solidarität auf, veranstalten am 15.10. in der Stadt Varnsdorf ein Kinderfest und sammeln Sach- und Geldspendenleicht bearbeiteter Artikel von AktivistInnen, der auf indymedia veröffentlicht wurde

Am 01.Oktober 2011 demonstrierten Einwohner_innen aus dem Norden Tschechiens auf dem Palacký-Platz in Prag. Dazu hatte Lukáš Kohout aufgerufen. „Ziel der Veranstaltung war es, gegen „verkehrte Diskriminierung, Untätigkeit der Regierung und Roma-Kriminalität“ zu demonstrieren. Gleichzeitig fand eine Veranstaltung von Gegendemonstranten statt, die gegen die „rassistischen Aufhetzer“ aus Varnsdorf ein Zeichen setzen wollten. Beide Gruppen mussten von der Polizei auseinander gehalten werden, es kam nur zu verbalen Auseinandersetzungen.“, so die Meldung von romove.radio.cz

Für den darauffolgenden Tag kündigte Kohout Demonstration in Rumburk und Varnsdorf an. In Rumburk folgten den Aufruf etwa 50 Menschen, deutlich weniger als noch eine Woche zuvor. Anschließend starteten wenige Teilnehmer_innen der Anti-Roma-Demonstration nach Varnsdorf, dort war für 14 Uhr eine Kundgebung angemeldet. An dieser beteiligten sich etwa 200 Menschen, hauptsächlich ortsansässige Bevölkerung. Im Gegenzug zu den vergangenen Wochen nahmen augenscheinlich nur wenige organisierte Nazis teil. Circa fünf, dem rechten Spektrum zuzuordnende Deutsche wurden ausgemacht. Auf der Kundgebung sprach erneut Lukáš Kohout.Die Polizei war mit etwa 250 Polizist_innen und einem Wasserwerfer vor Ort. An den Grenzübergängen kontrollierten sie Einreisende und durchsuchten Autos nach Waffen.

Situation der Roma vor Ort – Eine kleine Skizze der tschechischen Verhältnisse:
Roma werden in der tschechischen Gesellschaft konsequent ausgegrenzt und diskriminiert. Die Kinder spüren es schon in der Schule, wo sie gezielt schlechtere Noten als der Rest bekommen. Bis vor wenigen Jahren wurden Roma Kinder noch konsequent auf „Förder“ Schulen geschickt und durften den Unterricht in normalen Schulen nicht besuchen. Viele Eltern verbieten ihren Kindern, den Umgang mit Roma, wegen Vorurteilen, die sie gegenüber Roma haben. Die katastrophale Schulsituation führt dazu, dass noch weniger Roma Arbeit finden. Im Arbeitsleben und Alltag haben es Roma schwerer als der Rest der Gesellschaft. Arbeitsplätze, Wohnungen werden zuerst an Nicht-Roma vergeben. Die Arbeitslosenquote der Roma beträgt ca. 90%, wobei der Rest der Gesellschaft auch an den wenigen Arbeitsplätzen in der strukturschwachen Region rund um die deutsche Grenze zu kämpfen hat. Viele Roma sind auf die Sozialhilfe und Kindergeld angewiesen und kommen nur durch staatliche Unterstützung über die Runden.

Am Ortseingang von Varnsdorf liegt das ehemalige „Hotel Sport“, ein altes herunter gekommenes Haus mit großem Innenhof. Dort leben 74 Menschen, vor allem Mütter mit Kindern. Meistens wohnen bis zu 5 Personen in einem 25m² großen Raum. In diesem befindet sich eine Küche und die Schlafgelegenheiten. Direkt gegenüber der Unterkunft hat die Polizei Kameras installiert um die Straßen zu überwachen. Anfang August hat sie auch eine Hausdurchsuchung durchgeführt und alle „gefährlichen“ Gegenstände mitgenommen, was dazu führte, dass selbst Feuerlöscher mitgenommen wurden und die Roma sich nicht mehr selbst gegen Nazigruppen verteidigen konnten.
Ein weiteres Haus, welches eine alte Mietskaserne ist, wird von der Stadt betrieben. Dort sind die Situationen ähnlich, nur dass es dort festangestellte Sozialarbeiter_innen gibt, die eine brisante Arbeit verrichten. Sie unterbinden Journalisten das Haus zu betreten, kontrollieren die Roma bei betreten des Hauses. Ein wichtiger Arbeitspunkt stellt auch die Behinderung der Vernetzung der Roma untereinander dar. Als letzte Woche Kleiderspenden an dieses Haus gingen, durften die Spenden nicht im Haus verteilt werden, sondern mussten vor dem Haus verteilt werden. Als die Kinder mit den Klamotten in das Haus wollten, wurden viele Kleidungsstücke von den sogenannten „Sozialarbeitern“ konfisziert.

Lukáš Kohout
Er ist geboren in Most, im August 1983, und ist gelernter Koch. Er versucht sich immer wieder als wichtigen Menschen im öffentlichen Leben zu stilisieren.

2002 gab er sich als Assistent von Jan Kavan, Sprecher der Vereinten Nationen, aus. Mit diesem Trick reiste er quer durch die Welt und besuchte zahlreiche Parlamente.
Als Sahnehäupchen des Jahres 2002 wurde bekannt, dass er Verbindungen zur rechten Partei DSSS und einer ihrer Leitfiguren Jan Kopal hat, die er immer noch zu pflegen scheint.
Im Jahre 2004 gab er sich als Sprecher der Partei „CzechTek“ aus.
Im Jahr 2006 wurde er unter anderen wegen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten, ausgesetzt zu fünf Jahren Bewährung verurteilt. Weiterhin wurde ihm eine Geldstrafe von 470 Tausend Kronen an ein Unternehmen auferlegt.
Im Jahre 2011 gab er sich als Sprecher der Jungen Sozialdemokraten aus und wurde zur führenden Person der Anti-Roma Proteste in Varnsdorf
Er wird als Veranstalter gesehen und genießt augenscheinlich seine Präsenz auf den Kundgebungen.
Lokale Roma kennen ihn. „Es war ein Freund. Aufgewachsen ist er unter uns, ging mit uns in eine besondere Schule“, so eine Roma gegenüber Pressevertreter_innen. Sie vermutet, dass er seine Einstellung gegenüber Ihnen änderte, als seine Frau ihre Liebe zu einem Roma entdeckte und Kohout verließ. Auf Pressenachfrage bestreitete er dies und gibt an, es müsse sich um eine Verwechslung handeln.

Was tun?
Mittlerweile haben sich auch in Deutschland Menschen Gedanken gemacht, was getan werden kann. Nach Rücksprachen mit tschechischen Antifaschist_innen und natürlich den betroffenen Roma selbst, kam mensch zu folgendem Fazit.
Eine Demonstration macht wenig Sinn. Die Roma sprechen sich deutlich dagegen aus, ihrem Wunsch sollte Rechnung getragen werden. Sie wünschen sich, dass ausländische Pressevertreter_innen bei den geplanten antiziganistischen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort sind und darüber berichten. Auch in der tschechischen Bevölkerung wird dies wahrgenommen.

Was Sie wirklich benötigen ist humanitäre Hilfe. Sie werden von den Vermieter_innen sprichwörtlich über den Tisch gezogen und müssen deutlich höhere Mieten zahlen als andere. Sie gehören zu den ärmsten Teilen in der tschechischen Gesellschaft und haben auch durch den Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt wenig Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Antifaschist_innen in Sachsen haben erste Pakete mit Bekleidung sowie Kinderspielzeug gesammelt und diese vorbeigebracht.

Als in der letzten Woche die Demonstration von Kohout angeführt direkt am Haus der Roma vorbeiging, konnte den Kindern im Garten mit Jonglage und anderen Kinderspielen etwas Abwechslung gegeben werden. So auch am 02.Oktober. Kinder malten, wurden als Indianer geschminkt, was Ihnen sichtbar Freude bereitete. Dank solidarischer Menschen aus Sachsen konnten sie sich auch als Jongleure probieren. Zudem waren Menschen mit Instrumenten da, die die Stimmung durch nette Musik aufbesserten.

Appell
Für den 15.Oktober 2011 planen wir ein Kinderfest in Varnsdorf. Neben ein Volxküche, einen Buttonworkshop können sie sich auch im Graffiti sprayen ausprobieren. Es wird Umsonststände mit Bekleidung geben und das ganze musikalisch umrahmt.
Doch dazu brauchen wir Euch. Wenn ihr euch vorstellen könnt zu helfen, dann kommt vorbei. Wir alle freuen uns über mehr Menschen vor Ort. Den direkten Kontakt via Mail findet ihr unten.

Wenn ihr Kinderspielzeug und/oder Kleidung (alle Sachspenden sollten in einem guten Zustand sein) gerade für die Wintermonate habt, könnt ihr diese mit einem Vermerk „ROMA CZ“ an folgenden Stellen abgeben:

Linxxnet Leipzig, Bornaische Straße 3d, 04277 Leipzig
Rothaus e.V., Lohstraße 2, 09111 Chemnitz
AZ Conni Dresden bzw. Infocafe , Rudolf-Leonhard-Straße 39, 01097 Dresden
Infoladen Zittau, Äußere Weberstraße 2, 02763 ZittauDankenswerter Weise hat der Tamara Bunke Verein für internationale Jugendverständigung sein Konto für Geldspenden an die Roma bereitgestellt.
Alle eingehenden Spenden werden ohne Abzüge direkt an die betroffene Roma weitergeleitet. Um eine gerechte Verteilung der Spenden zu gewährleisten, wurde der Zentralrat der Sinti und Roma mit der Bitte angeschrieben, uns dabei behilflich zu sein. Da wir transparent arbeiten, sind wir gern bereit alle eingehenden Spenden sowie die Weitergabe zu dokumentieren und öffentlich zu machen.

Inhaber: Tamara Bunke Verein / Kontonummer: 3000082580 / BLZ: 850 501 00
Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien / Betreff: Roma CZSpendenquittungen können leider nicht ausgestellt werden, da die Gemeinnützigkeit wegen politischer Betätigung des Vereins seitens des Finanzamtes Löbau abgelehnt wurde.

Wenn ihr helfen wollt, weitere Ideen und Hinweise habt, dann schreibt diese an:
solidarity-with-roma[at]riseup.net
Den Pgp-Schlüssel findet ihr bei subkeys.pgp.net.

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