linXXnet talXX #21 ­­– Alleinerziehende in der Corona-Krise ­­– mit Brunhild Fischer vom SHIA e.V.

Nach einigen Wochen ohne einen neuen Talk geht es nun mit Folge 21 der linXXnet talXX weiter – diesmal mit Brunhild Fischer, der Geschäftsführerin des SHIA e.V., welcher sich für die Interessen alleinerziehender Menschen und die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation von Familien einsetzt.

Zu Beginn unseres Gesprächs stellt Brunhild die Geschichte und Arbeit des Vereins vor. Seit der Gründung 1991 in Leipzig hat sich SHIA e.V. einerseits der Basis- und Unterstützungsarbeit für Familien verschrieben und leistet andererseits ebenfalls deren Interessenvertretung auf politischer Ebene in landesweiten Gremien und im bundesweiten Kontext, um Entscheidungsträger*innen für die Bedarfe von Familien zu sensibilisieren.

Anschließend  kommen wir auf die spezielle Situation von Alleinerziehenden in der Coronakrise zu sprechen, welche etwa beim Notbetreuungsangebot der Kindertagesstätten dadurch benachteiligt waren, dass sie nicht als »systemrelevant« anerkannt wurden. Neben der grundsätzlichen Belastung durch die alleinige Zuständigkeit für ein oder mehrere Kinder und die damit verbundenen zusätzlichen finanziellen Aufwendungen traf und trifft die Corona-Situation Alleinerziehende besonders durch die Notwendigkeit, die eigenen Kinder komplett zu Hause betreuen und unter anderem bei Schulaufgaben unterstützen zu müssen, trotzdem im Home-Office zu arbeiten und unter erschwerten Bedingungen einen kompletten Haushalt zu führen. Daraus ergibt sich letztendlich ein »Konglomerat an Problemen, also an wirklich belasteter Situation«, stellt Brunhild Fischer fest. 

Deshalb ist es ihrer Meinung nach umso wichtiger, dass andere Menschen in dieser Situation versuchen, hilfreiche Unterstützung zu leisten und Alleinerziehende mit ihren Verpflichtungen nicht allein zu lassen, gerade weil die Kindernotbetreuung nicht grundsätzlich für Alleinerziehende geöffnet war. »Das ist natürlich ein ganz, ganz schwerer Schlag für diese Familien, ist eine Nichtanerkennung der Lebenssituation, der erschwerten Lebenssituation von diesen Elternteilen«, sagt Brunhild Fischer, und empfindet dieses Vorgehen rückblickend als »Skandal«, zumal es mehrere Schreiben an Ministerpräsident Kretschmer gab, welcher darauf nicht einmal reagierte.

Zumindest Bundesfamilienministerin Franziska Giffey habe aber auf die Notsituation reagiert und gefordert, dass die Notbetreuung gesichert sein müsse. Mehrere Bundesländer hätten dies auch umgesetzt, Sachsen aber nicht, »und das ist natürlich ein ganz, ganz großes Armutszeugnis gegenüber diesen Familienformen«, meint Brundhild Fischer. »Von einer gewissen Respektlosigkeit«, zeuge ebenfalls, dass auf die schriftlichen Hilfegesuche, die Notbetreuung für Alleinerziehende zu öffnen, vonseiten des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer nicht einmal geantwortet wurde. Umso wichtiger sei es, bei einer möglichen zweiten Infektionswelle unbedingt auch Alleinerziehende in der Notbetreuung zu berücksichtigen.

Im zweiten Teil des Talks widmen wir uns ausgehend von der neuesten Kinderarmuts-Studie der Bertelsmann-Stiftung nötigen Veränderungen beim Umgang mit Kinderarmut. Brunhild Fischer stört an der aktuellen Debatte insbesondere auch das Streiten über Zahlen, um das Problem zu marginalisieren, denn »alleine, dass es ein einziges armes Kind gibt, muss uns auf den Plan rufen«, findet sie. Schließlich sei Kinderarmut ein gesellschaftliches Problem, und wenn es die Gesellschaft nicht löse, sei diese und nicht die betroffenen Familien »die sozial Schwachen«. Außerdem verweist Brunhild Fischer auf die Beschönigung der Statistiken über Kinderarmut etwa dadurch, dass für jene lediglich Menschen unter 18 Jahren einbezogen würden, obwohl diese mindestens solange weiterhin genauso arm seien, bis sie wirtschaftliche Selbstständigkeit erreicht hätten.

Um für alle Kinder unabhängig vom Elternhaus und dessen finanzieller Situation kulturelle und soziale Teilhabe zu gewährleisten, komme die Gesellschaft um ein grundsätzliches Umdenken nicht herum, das im Ergebnis etwa durchweg kostenlose Bildungs-, Mobilitäts- und Kulturangebote beinhalten sollte. »Das sind alles gar nicht solche Dinge, die wahnsinnig viel kosten, sondern wenn ich als Politik ganz klar sage: Das möchte ich; dann kann ich diese Infrastrukturleistung sehr wohl zur Verfügung stellen und kann die durchfinanzieren«, sagt Brunhild Fischer. Zuletzt bleibt ihre Feststellung: »Es ist ganz einfach, es fehlt einfach nur der politische Wille.«.

Zum Abschluss unseres Gesprächs werfen wir noch einen Blick auf die Erwartungen des SHIA e.V. von der sächsischen Landesregierung. Dazu zählen für Brunhild Fischer unter anderem »ein humanistisches Umgehen in unserer sächsischen Gesellschaft«, auch mit Kindern und Jugendlichen, »in dem Sinne, dass sie unabhängig von ihren Elternhäusern teilhaben können«. Außerdem geht es ihr darum, »dass wir natürlich die spezifischen Bedarfslagen der unterschiedlichen Familienformen berücksichtigt wissen wollen«. Für Alleinerziehende bedeute dies zum Beispiel, dass sie bei einer möglich zweiten Corona-Welle die systemrelevante Kindernotbetreuung definitiv in Anspruch nehmen dürfen. Außerdem sei die Strukturierung der Bildungsangebote für die Fortdauer der Krise wichtig, um Eltern zu entlasten. 

Unterm Strich bleibt zumindest die positive Erkenntnis, dass durch die Krise soziale Problemlagen wie Kinderarmut oder die Belastungen von Alleinerziehenden wieder öffentlich diskutiert werden. Jetzt kommt es darauf an, auch endlich politische Veränderungen zu erstreiten, um für Kinder aus allen Familienformen die dringend notwendigen Verbesserungen zu ermöglichen. 

Zur Website des SHIA e.V. geht’s hier: https://www.shia.de

Die komplette Folge und weitere linXXnet talXX gibt’s hier: https://www.youtube.com/watch?v=-4ToUExP9YQ

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