Leserbrief zur Kontroverse um die Band Blood Axis in der Theaterfabrik

In Reaktion auf die Berichterstattung der Leipziger Internetzeitung zur Kritik des Aktionsnetzwerkes Leipzig an einem für den 20.8.2011 geplanten Konzert der US-amerikanischen Neofolk-Band „Blood Axis“ habe ich am 9.6. einen Leserinnenbrief verfasst, der am 19.6.2011 kommentiert in der L-iz erschien. Er sei an dieser Stelle dokumentiert

In nunmehr zwei Artikeln (hier und hier) befasst sich die Leipziger Internetzeitung mit dem in der Theaterfabrik im August geplanten Auftritt der Neofolk-Band „Blood Axis“. Die beiden Beiträge erwecken den Eindruck, dass der Autor die Band samt „schillerndem“ Frontmann schön reden will. Doch vorab: wider besseres Wissen wurde nicht der tatsächliche Autor des Briefes, der sich kritisch mit „Blood Axis“ auseinandersetzt, benannt.

Dieser heißt nicht „Stadträtin Juliane Nagel“, sondern „Aktionsnetzwerk Leipzig nimmt Platz“. Es handelte sich zudem nicht um einen öffentlichen Brief, sondern einen, der allein die Theaterfabrik erreichen sollte. Das Ziel einer weniger irritierten Rezeption ist durch die unautorisierte Veröffentlichung des Briefes durch die L-IZ dahin.

Inhaltlich scheint sich der L-IZ Autor Daniel Thalheim schützend vor „Blood Axis“ bzw. Michael Moynihan stellen zu wollen. Da wird ein Kulturwissenschaftler bemüht, der die „Aufregung“ um Moynihan auch angesichts seiner Vorliebe für den SS-Brigadeführer, Okkultisten und Erfinder des neonazistischen „Schwarze-Sonne“-Symbols, Karl Maria Wiligut, nicht versteht. Über jenen hat der „Blood Axis“-Frontmann sogar eine Biografie verfasst, die nicht wirklich davon zeugt, dass er Wiligut für „einen Spinner“ hält. Gemeinsam mit Dr. Stephen E. Flowers, selbst in der rechts-okkulten Szene unterwegs, leistete er mit der amerikanischen Übersetzung der Schriften von Wiligut, der unter anderem für Heinrich Himmler Berichte schrieb, Pionierarbeit.

In seinem eigenen Verlag Storm Books gab Moynihan die gesammelten Schriften des US-amerikanischen Neonazis James Mason heraus, im eigenen Verlag Dominion Press ein Buch des faschistischen und neurechten Vordenkers Julius Evola. In dem von Moynihan mitherausgegebenen neuheidnischen Magazin TYR schrieb er noch vor fünf Jahren Seite an Seite mit dem rassistischen, neurechten Wegbereiter Alain de Benoist. 2006 war seine „rechte Phase“ also noch nicht vorbei.

Unbedenklich? Provokation? Nein! Zusammengenommen mit den im Aktionsnetzwerks-Brief aufgeführten Informationen über die politischen Neigungen und Einstellungen eines Michael Moynihan kann das guten Gewissens bezweifelt werden. Moynihan ist ein Überzeugungstäter, seine rechte Phase endete offensichtlich nicht in den 1990-er Jahren. Die Erkenntnisse über ihn sind nicht wie von Daniel Thalheim behauptet allein von Wikipedia zusammengesammelt, sondern selbst gelesen und übersetzt bzw. basieren auf Recherchen von profunden KennerInnen der schwarz-braunen Szene, wie Christian Dornbusch, auf dessen Wissen offensichtlich auch die städtische Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention zurückgreift.

Dass von jener nun lediglich auf den Verfassungsschutz zurückgegriffen wird, ist ein wenig armselig. Wenn der Verfassungsschutz die einzige Referenz für die Einschätzung von demokratiefeindlichen, diskriminierenden Einstellungen wäre, dann könnte man auch Kategorie C eine vollkommen politisch korrekte Band oder die bundesdeutsche Asylgesetzgebung humanistisch nennen. „Verpackt seine Kunst auf irritierende Weise“, „spielen mit dem Feuer“, „wollen provozieren“, so die LIZ-Kommentare zur Darstellung faschistischer und geschichtsrevisionistischer Symoblik und Weltanschauung. Wird hier verharmlost bzw. ein anderes Maß angelegt als an Akteure, die sich sonst so etwas leisten? Ist nicht die Benennung von Rassismus, Geschichtsrevisionismus, Demokratiefeindlichkeit schon immer das beste und wichtigste Rezept gegen Wegschauen, Verschweigen und Akzeptieren gewesen?

Aber im Gegenteil wird hier denen, die nicht wegschauen, nicht verschweigen und nicht akzeptieren, Panikmache vorgeworfen. Und nicht zuletzt verfängt sich der LIZ-Autor Thalheim in der Extremismus-Formel, die er an anderer Stelle selbst kritisiert hat, indem er die Kritik am Gebaren Moynihans als Ursache für das Interesse von Nazis an seiner Musik verunglimpft. Naziaktivitäten und antifaschistischer Protest dagegen werden vom VS zu gern auf einen Schlagabtausch zwischen „extremistischen Rändern“ erklärt, anstatt erstere als Problem der gesamten Gesellschaft zu benennen.

Dieser Argumentationsfigur springt auch der wieder und wieder bemühte Kulturwissenschaftler Alexander Nym bei, indem er meint, dass „die Schwarze Szene“ nur wegen der kritischen Thematisierung von rechtsoffenen Erscheinungen tatsächlich von Nazis heimgesucht wurde. Dass er nebenbei noch Faschismus zu „eine[r] Religion der Selbstanbetung“ verharmlost und das ästhetische Interesse der Gothik-Szene am Nationalsozialismus gut heißt, sei an dieser Stelle nur mit Kopfschütteln goutiert. Wer allerdings wie Nym meint, dass irgendeine gesellschaftliche Gruppe/ ein Milieu/ eine Subkultur resistent gegen rassistische, autoritäre, demokratiefeindliche Erscheinungen wäre, der hat jeglichen Bezug zur gesellschaftlichen Realität verloren.

Ich bleibe als Mitunterzeichnerin des Briefes an die Theaterfabrik bei meiner kritischen Haltung gegenüber „Blood Axis“ – bis sich ihr Frontmann unzweideutig von seinen rechtslastigen Äußerungen distanziert hat.

Juliane Nagel,  9. Juni 2011

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