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Erinnern heißt kämpfen. Rede zum Gedenken an die ermordeten Antifaschisten der Schumann-Engert-Kresse Gruppe am 13. Januar 2018

Am 13. Januar 2018 fand das alljährliche Gedenken an die ermordeten antifaschistischen Widerstandskämpfer*innen der Schumann-Engert-Kresse Gruppe am Ehrenhain auf dem Leipziger Südfriedhof statt. Geladen hatte der VVN/ BdA. Ich hatte die Ehre eine Rede zu halten, die ich hier dokumentiere:

Wir schreiben ein wahrlich historisches Datum. Vor 73 Jahren und 2 Tagen wurden zentrale Personen des lokalen Widerstandes gegen das Hitlerregime grausam hingerichtet. Nur wenige Monate bevor Deutschland befreit wurde, befreit von Naziterror, Vernichtung, Verfolgung und einem Klima der Angst. Doch die Mitglieder der Schumann-Engert-Kresse-Gruppe erlebten die Befreiung nicht mehr.

Die Namensgeber der Widerstandsgruppe – Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse – wurden am 11. Januar 1945 im Hof des Landgerichtes Dresden hingerichtet. Einen Tag später wurden auch weitere Mitglieder der Gruppe – William Zipperer, Arthur Hoffmann, Karl-Jungbluth, Alfred Frank, Georg Schwarz, Richard-Lehmann – ermordet.

Die „Schumann-Engert-Kresse-Gruppe“ gehörte zu den aktivsten Widerstandsgruppen gegen den NS und verleugnete ihre politischen – kommunistischen und sozialistischen – Ziele nicht, wie die 14 Leitsätze der gemeinsamen Plattform vom Februar 1944 zeigen.

Wir wissen heute, dass das Agieren der KommunistInnen vor allem im Vorhof der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 nicht immer widerspruchsfrei war. Wir wissen aber welch großen Anteil die im Untergrund agierenden Antifaschistinnen und Antifaschisten im Kampf gegen das Hilterregime hatten. Im Untergrund trafen sie sich, drucken Flugblätter und Zeitungen, störten und sabotierten die Rüstungsproduktion, unterstützten ausländische ZwangsarbeiterInnen und setzen so ihr Leben aufs Spiel. Fast alle Mitglieder der Schuman-Engert-Kresse-Gruppe hatten bereits Festungshaft, Zuchthaus und KZ-Erfahrung hinter sich und liessen sich trotzdem nicht beirren. Sie wurden ausgebremst und malträtiert und standen trotzdem wieder auf. Allein dafür gebührt ihnen unsere tiefste Ehre und Bewunderung.

In ihren Schriften propagierten die Widerstandskämpfer nicht „nur“ das notwendige Ende des faschistischen Regimes, sondern eine kommunistische Vision. Das hebt die hier liegenden Aufrechten von zahlreichen anderen NS-Gegnerinnen und -gegnern ab. Kämpften die heute hoch und an zentralen Orten geehrten Nationalisten und Monarchisten um Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder aber den ehemaligen OBM von Leipzig Carl Goerdeler für einen elitären, straff und militaristisch geführten kapitalistisch-bürgerlichen Nationalstaat, standen die kommunistischen Widerstandskämpferinnen und kämpfer um Schumann-Engert-Kresse für eine kommunistische, und zum Teil emanzipatorisch-freiheitliche Alternative ein.

Ich möchte an dieser Stelle besonders Otto Engert hervorheben:
Engert war nicht nur kommunistischer Politiker und theoretischer Vordenker, er war auch ein erklärter Gegner des stalinistischen Kurses in der KPD. Und dies halte ich für ehrenwert, trug doch die Sozialfaschismusthese, nach der der Hauptfeind, der linke Flügel des Faschismus in den Reihen der Sozialdemokratie stünde, letztendlich dazu bei den Widerstand gegen die Machtübergabe an Hitler zu schwächen. Engert widersetzte sich dieser Linie , wurde aus der KPD ausgeschlossen und schloss sich selbst der KPD-Opposition an. Ihr Ziel war es unter anderem in den etablierten Gewerkschaften und Massenorganisationen um die Köpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter zu kämpfen und nicht zur weiteren Spaltung beizutragen. Ihr ehrenwertes Ziel war es außerdem sich dem immer rigoroseren Kurs der sowjetischen KPDSU zu entziehen. In meinen Augen war diese klein gebliebene Struktur ein tatsächliches Vorbild für einen undogmatischen, emanzipatorischen und tragfähigen Kommunismus. Doch die KPD-O wurde wie auch die KPD und andere linke Organisationen von den Nazis zerschlagen.

Liebe Anwesende, der Kampf gegen den NS war mutig, war wichtig und wir wissen – er geschah unter dem Einsatz des eigenen Lebens. Es gilt diesen Kampf auch heute zu würdigen und sich gerade in diesem Bundesland, im Freistaat Sachsen, dem Antikommunismus und der Geschichtsumdeutung entgegenzustellen.
Versteht meine Einlassung in diesem Sinne auch nicht als nachträgliche Spaltung in gute und böse Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Es ist gerade hier und heute wichtig gemeinsam für einen konsequenten Antifaschismus, der mehr ist als gegen Nazis zu sein, einzustehen. Auch heute muss der antifaschistische Kampf an die Wurzeln gehen und in der kapitalistischen Wirtschaftsweise, im damit einhergehenden Konkurrenzdenken und in der immer weiter fortschreitenden Ökonomisierung des Sozialen die Ursachen für Faschismus suchen.

Es ist der renommierte Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, der in seiner Langzeitstudie Deutsche Zustände zu dem Befund kommt, dass in Zeiten eines autoritären Kapitalismus nicht nur die Solidarität der Mitglieder einer Gesellschaft immer mehr unter die Räder kommt, sondern Abwertung, Hass und auch Gewalt Vorschub geleistet wird. Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Sozialdarwinismus als Abwertung sozial Deklassierter und andere Diskriminierungsformen fallen also nicht vom Himmel, sondern sind Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Die „Deutschen Zustände“ wurden 2011 eingestellt. Aber die Befunde bleiben aktuell wie nie zuvor. Es sind die Denkschulen von Marktradikalität, nationaler Abschottung, systematischer Abwertung von Schwachen und Nicht der Norm entsprechenden Menschen, die nicht nur den Ton, sondern auch die handfeste Politik prägen. Und das erfordert unseren Widerstand, ganz im Sinne der Antifaschisten, denen wir heute gedenken.

Ich will einen weiteren Schritt in die Gegenwart wagen.

Der 11. Januar ist der Tag, an dem Neonazis vor zwei Jahren zum Sturm auf den Stadtteil Connewitz bliesen. 71 Jahre nach der Hinrichtung von Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse war es das Ziel dieses Faschistenmobs den Stadtteil, der ein Gegenmodell zu den sächsischen Zuständen darstellt, empfindlich zu treffen.

Ein faschistischer Kampfsportler, der nach dem Angriff mit 214 anderen von der Polizei festgesetzt wurde schrieb im Vorfeld an seine Kameraden „Es sind andere Zeiten angebrochen. Zeiten wo wir als Deutsche zusammenstehen müssen, Zeiten der Waffen und Kriege“.

Der Angriff der Neonazis hat vor allem eins gezeigt: Zu was diese extrem rechten Kreise bereit und in der Lage sind. Es ist nicht auszudenken was an diesem Abend geschehen wäre, wären mehr Menschen auf den Straßen gewesen. Wir wissen aber, dass das Gros der Connewitzerinnen und Connewitzer in der Leipziger Innenstadt weilte und dort gegen den Aufmarsch der nationalistisch-rassistischen Legida-Initiative protestierte. Im Windschatten dieses Aufmarsches griffen die Nazis in Connewitz in martialischer Weise 23 Läden und Autos an. Wir wissen heute auch: Unter den Tätern waren Akteure aus zahlreichen Bundesländern, waren Akteure aus längst verbotenen Organisationen wie die Skinheads Sächsische Schweiz und die Kameradschaft Thor aus Berlin. Waren Mitglieder der Freien Kameradschaft Dresden und der Gruppe Freital, gegen die derzeit vor Gerichten wegen Bildung einer kriminellen bzw rechtsterroristischen Vereinigung verhandelt wird.

Aber: die Sicherheitsbehörden haben nichts mitbekommen, oder soll man sagen: Wollten nichts mitbekommen? Im Vorfeld des 11. Januar 2016 warnte der Inlandsgeheimdienst nicht etwa vor der rechten Mobilisierung, sondern verunglimpfte die linken, antifaschistischen Proteste gegen Legida. Und auch die offiziellen Reaktionen auf den Angriff in Connewitz fielen eher verhalten aus, genau wie es die juristische Aufarbeitung der Tat verspricht. Die Strafen, die die Täter zu befürchten haben, dürften eher lächerlich sein. Aber: Unsere Forderung und unsere Kraft muss sich vor allem auf die Ausleuchtung der Netzwerke richten. Dazu wird kein sächsisches Gericht und auch kein politischer Entscheidungsträger von CDU oder SPD bereit sein. Wir sind gefragt.

Und wir, die wir hier stehen, können dazu gemeinsam etwas beitragen. Uns allen ist die Kamenzer Strasse im Leipziger Norden präsent. Das ehemalige Außenlager des Konzentrationslagers Buchendwald, in dem tausende Menschen zu Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion gezwungen wurden, gehört seit 2007 einem dubiosen Neonazi. Schon sechs Mal wurde die Gedenktafel, die vor dem Haus Nummer 10 installiert ist, und an die Geschichte des Grundstücks erinnert, zerstört. Seit geraumer Zeit trainiert dort zu allem Überfluss das Imperium Fighting Team, ein Freefight-Team, das von einem Nazi angeführt wird und in dem Nazis martialischen Kampfsport ausüben. Drei Team-Mitglieder waren an dem Angriff in Connewitz beteiligt. Die Verunglimpfung des Andenkens an die, die von den Nazis unterjocht, ausgebeutet und gar vernichtet wurden, können wir nicht zulassen. Das sind wir den Widerstandskämpfern, denen wir heute gedenken schuldig.

Liebe Anwesende: Erinnern heißt Kämpfen, so der Leitspruch von meinen jungen Genossinnen und Genossen, die sich mit der jüngeren Geschichte des Neonazismus in der Bundesrepublik auseinandersetzen. Das gewesene in würdiger Erinnerung zu halten und daraus Ansporn und Kraft für Kämpfe der Gegenwart zu schöpfen – das sollte unsere Devise sein, gerade in diesen Zeiten.

Gedenken wir heute Georg Schumann, Otto Engert, Kurt Kresse, William Zipperer, Arthur Hoffmann, Karl-Jungbluth, Alfred Frank, Georg Schwarz, Richard-Lehmann und all den anderen, die ihr Leben für den Kampf gegen den Faschismus opfern mussten. Und führen wir ihr Werk fort, hier, jetzt und heute. Unser Losung: Kampf gegen alle Nazis, für Frieden – Freiheit – Brot.

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