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Der 24.10. – Trauer. Wut und Hoffnung

KamalEigentlich ist es kein Moment, sondern ein Motiv, das sich seit nun seit über drei Jahren in meinem Kopf auftut. Wenn ich den Platz vor dem Hauptbahnhof passiere, wenn ich den Weg über die Innenstadt, vorbei am Landgericht nehme, aktualisiert sich das Bild.

In der Nacht vom 23. zum 24.10.2010 wurde Kamal in der C.W. Müller-Anlage, dem Park vor dem Hauptbahnhof, angegriffen. Ein Messer war das Instrument zweier Nazis, die ihm sein junges Leben nahmen. Kamal war Anfang der 1990er Jahre mit seiner Mutter und seinem Bruder aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Auf der Suche nach einem sicheren Leben.

Weder der Moment, noch die damit veerbundenen Emotionen sind in Worte zu pressen. Ausführlichst rekapitulierte das Schwurgericht des Landgerichtes die Nacht in der vom 17.6. bis zum 8.7.2011 andauernden Verhandlung. Ich saß an jedem der fünf Verhandlungstage im Gerichtssaal, sah die Täter, hörte und fühlte den Schmerz der Mutter.

Die beiden Mörder wurden verurteilt, der eine, Marcus E. wegen Mordes zu 13 Jahren Haft, der andere, Daniel K., wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung zu drei Jahren. Auch wenn das Urteil als „sensationell“ bezeichnet wurde, und der Mord als rechts motiviert anerkannt wurde – Wut und Trauer bleiben. Daniel K. ist inzwischen im offenen Vollzug. Nazi ist er geblieben.

24.10.2013, drei Jahre danach: mehr als 100 Menschen säumen die Müller-Anlage vor dem Hauptbahnhof. Angehörige und FreundInnen von Kamal, VertreterInnen der irakischen Botschaft, Menschen, die sich lange Zeit eingesetzt haben, dass der Mord an Kamal als rassistischer Mord anerkannt wird, Menschen, die praktisch und ideell unter- und gestützt haben, sie alle versammeln sich. Der Gedenkort für Kamal als erster Gedenkort für die mindestens sechs Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig seit 1990 wird eingeweiht.

Dem vorausgegangen war eine lange Odyssee durch den Dschungel der städtischen Verwaltung. Nur aufgrund der Intervention des Oberbürgermeisters wurde der bürokratischen Posse um Denkmalschutz, ästhetische Ansprüche an einen Gedenkstein und Fragen der Zuständigkeit ein Ende gesetzt und dem längst Überfälligen Raum gegeben.

Es folgen Reden. Reden, die formell wichtig sind, wie die der Botschaftsvertreter und des Kulturbürgermeisters. Und Reden, die das Herz zerreißen, wie die der Mutter und des Bruders von Kamal. Schmerz und Wut, Schmerz über den Verlust eines Menschen und Wut über die Verhältnisse, in denen Menschen mit nicht-deutscher Herkunft diskriminiert werden. Nicht durch Nazis, sondern durch Behörden, durch Polizei, durch die Mehrheitsgesellschaft.

Ich werde den 24.10.2010 nie vergessen. Der Mord an Kamal hat sich unwiderruflich in mein Leben, in zahlreiche Orte dieser Stadt eingeschrieben. Es sind Momente der Anteilnahme, Momente des Ringens, es sind Gespräche, Demonstrationen und die Hoffnung, dass sich ähnliches nicht wiederholt, die zutiefst mit diesem Datum verbunden sind und bleiben.

(Mein Beitrag für http://www.leipzig-leben.de/leipziger-lieblingsmomente-die-blogparade/)

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