Gedenkzeichen in der Kamenzer Straße zum dritten Mal in nur neun Monaten zerstört

Die Stadt ist in der Pflicht einen befestigten Gedenkort zum Andenken an die ZwangsarbeiterInnen und Opfer der Todesmärsche im Umfeld des ehemaligen größten Außenlager des KZ Buchenwald in Leipzig zu unterstützen

Im Zeitraum vom 10. bis 29.1.2011 wurde in der Kamenzer Straße im Nordosten von Leipzig ein Wegezeichen zur Erinnerung an die Opfer des Todesmärsche nunmehr zum dritten Mal zerstört. Bereits im August und Oktober 2010 war es zu entsprechenden mutwilligen, politisch motivierten Beschädigungen gekommen.

Das Gedenkzeichen wurde am 2.5.2010 im Rahmen des alljährlichen Gedenkmarsches für die Opfer der Todesmärsche 1945 errichtet und soll an die Menschen erinnern, die noch in den letzten Kriegstagen durch SS und Gestapo auf lange, oft ziellose Märsche gehetzt wurden. Die Nationalsozialisten versuchten auf diese Weise ihre Verbrechen – das Festhalten und Quälen von Menschen in Konzentrations-, Zwangsarbeits- und Haftlagern – zu vertuschen.

In der Kamenzer Straße 10 befand sich bis zum April 1945 das größte der acht Außenlager des KZ Buchenwald, wo Menschen zur Arbeit für den Rüstungskonzern HASAG gezwungen wurden. Auch von hier aus wurden noch im April 1945 ZwangsarbeiterInnen auf die so genannten Todesmärsche geschickt. Das Engagement von Gruppe Gedenkmarsch und Bund der Antifaschisten für die Erinnerung an diesen Abschnitt der deutschen Geschichte ist von großer Bedeutung und findet meinen größten Respekt.

Das in Eigeninitiative errichtete Gedenkzeichen, das an diese Geschichte des Ortes Kamenzer Straße erinnern soll, wurde im Januar 2011 zum dritten Mal zerstört. Die Täter brachen ein großes Stück aus der Tafel heraus. Bereits im August und im Oktober hatten Unbekannte sich an der Gedenkstelle vergangen. Dass es sich hierbei um neonazistisch motivierte Taten handelt, liegt nah. Der heutige Besitzer des Geländes Kamenzer Straße 10/ 12 soll der Neonazi-Szene nahe stehen. Mindestens ein Rechts-Rockkonzert fand auf dem Gelände bereits statt, bevor Polizei und Ordnungsamt die Nutzung unterbanden.

Dass ein Gedenkort an die Opfer des Nationalsozialismus in regelmäßigen Abständen zerstört wird, ist nicht hinzunehmen. Hier zeigt sich die menschenverachtende, geschichtsvergessene Haltung der Täter, die mutmaßlich aus dem Neonazi-Spektrum kommen.

Schon zweimal (im August 2010 und Oktober 2010) hat die Gruppe Gedenkmarsch die Gedenkinstallation repariert. Nun ist die Zeit gekommen ernsthaft über die Errichtung eines befestigten Gedenkortes, z.B. in Form eines Steins, zu diskutieren. Hier muss die Stadt Leipzig endlich aktiv werden und den InitiatorInnen des Gedenkens, der Gruppe Gedenkmarsch und dem Bund der Antifaschisten, ideelle und finanzielle Unterstützung anbieten.

Eine aktive Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten, wie sie die Gruppen Gedenkmarsch betreibt, ist essentielle Voraussetzung für antifaschistisches Engagement in der Gegenwart.

Inschrift des zerstörten Schildes:

IN DIESEM GEBÄUDE befand sich vom August 1944 bis April 1945 das größte der 8 Leipziger Außenlager des KZ Buchenwald. Im Januar 1945 mussten 5.067 Frauen unter SS-Bewachung in der Hugo-Schneider AG (HASAG) – Haupteigner war die Dresdner Bank – Panzerfäuste herstellen und Granaten abfüllen.

Unmittelbar daneben waren seit Juni 1944 im „Polenlager“ 800 männliche KZ-Häftlinge untergebracht.
Noch im August 1944 wurden 25 nicht mehr arbeitsfähige Frauen zur Vergasung nach Auschwitz „überstellt“.

An der Zwangsarbeit von mehr als 17.000 Häftlingen in den verschiedenen HASAG-Betrieben in und außerhalb Deutschlands erwirtschafteten SS und Dresdner Bank Millionenprofite. Nur wenige von über 4.000 HASAG-Häftlingen, die am 13. April 1945 auf den Todesmarsch getrieben wurden, erlebten am 9. Mai 1945 in der Nähe von Teplice den Tag ihrer Befreiung.

Pressemitteilung, 1.2.2011

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