Ehemaliges Zwangsarbeiterlager in Leipzig in Neonazi-Hand

Am 15. Januar diesen Jahres wartete die Polizei mit einer Meldung über ein verhindertes Neonazi-Konzert in der Kamenzer Straße 10/12 im Leipziger Norden auf. Und es längst kein Geheimnis: Das Areal, das zu NS-Zeiten ein Zwangsarbeiterlager war, wird nicht nur von Neonazis genutzt: Es gehört einem dubiosen Nazi.

Informationen über die Nutzung der Kamenzer Straße 10/12 kamen erstmals im Jahr 2009 in die Öffentlichkeit. Im Jahr 2008 hatten Neonazis die Räumlichkeiten mindestens dreimal für Konzerte genutzt. Der damalige Polizeipräsident bekundete im April 2009, dass ein „Rechtsextremer“ das Gebäude gekauft hätte. Und in der Tat: 2007 erwarb Ludwig K. den Komplex, der neben den Häusern an der Straße noch Nebengebäude und Freiflächen umfasst
Der Besitzer des Gebäudes hat sich ebenso wenig verändert wie seine Gesinnung. Ludwig K., der sich neuerdings „Prinz von Preußen“ nennt, ist ein altgedienter Neonazi.

Dass K. seine Gesinnung, auch nach einem Knastaufenthalt. nicht beiseite gelegt hat, zeigt die Kamenzer Straße selbst. Dort fanden nicht nur oben benannte Neonazi-Konzerte mit Bands wie „White rebel boys“, „Odessa“, „Thematik 25“ statt. Auf dem stattlichen Areal ist offenkundig auch der Motorradclub „Rowdys eastside“ zugegen, der eindeutige Schnittmengen ins rechte Milieu aufweist. Seit 2017 trainiert in der Hausnummer 10, dem weißen Plattenbau, nun auch das Imperim Fighting Team (IFC), das von dem verhinderten Freefight-Kämpfer und Neonazischläger Benjamin Brinsa geführt wird. Brinsa versuchte mit der Kampfveranstaltung Imperium Fighting championship, die seit 2014 bereits fünfmal in Leipzig stattfand, die noch vom „Verfassungsschutz“ kritisch begutachteten Vorgänger-Veranstaltungen unter dem Label „Schildau kämpft“ vom rechten Mief reinzuwaschen. Dies gelang ihm aufgrund antifaschistischer Interventionen und der dumpfen politisch motivierten Schlagwut seiner Kämpfer nicht. Drei Kämpfer des IFC, Christopher „Joker“ Henze, Timo „Teddy“ Feucht und Marcus K. waren mutmaßlich am Überfall auf Läden und Locations in Leipzig-Connewitz am 11.1.2016 beteiligt.

Doch zurück zur Kamenzer Straße. Am 3. Mai 2009 fand vor dem Objekt eine Gedenkveranstaltung statt. In diesem Rahmen sprach  nicht nur Esther Bejarano, eine Überlebende der KZ Auschwitz und Ravensbrück. Die Gruppe Gedenkmarsch installierte in diesem Rahmen vor Ort auch ein Gedenkzeichen. Denn: Die Kamenzer Straße fungierte 1944 bis 1945 als Zwangsarbeiterlager. Es war das größte der acht Leipziger Außenlager des KZ Buchenwald. Im Januar 1945 mussten 5.067 Frauen unter SS-Bewachung dort für die Hugo-Schneider AG (HASAG)  Panzerfäuste herstellen und Granaten abfüllen. Unmittelbar daneben waren seit Juni 1944 im „Polenlager“ 800 männliche KZ-Häftlinge „untergebracht“.
Diese Menschen wurden im April 1945 noch auf die so genannten Todesmärsche geschickt.

Seit seiner Installation 2009 wurde das Gedenkzeichen nunmehr sechsmal zerstört. Zum Beispiel in der Nacht vom 9. zum 10.10.2010: Das Wegezeichen und die zugehörige Gedenktafel wurden entfernt und stattdessen zwei Zeichen mit der Bezeichnung „Buchenwald“ und „Stalingrad“ und die entsprechende Kilometerangabe angebracht.
Zuletzt wurde die Gedenktafel im Januar 2017 zerstört und am 27.1.17 wieder errichtet.

Während das Gedenken an die Geschichte der Kamenzer Straße also regelmäßig durch mutwillige Zerstörungen angetastet wird, fristet das Objekt sein Dasein als Anlaufpunkt von Neonazis und als Geschäftsadresse von gewerblichen Einrichtungen. Allein das ist ein Skandal.
Laut einer aktuellen Antwort auf eine Stadtratsanfrage ist die Nutzung beider Gebäude zu Veranstaltungszwecken untersagt. Seit 2013 ist die Nutzung des Bereichs der Hausnummer 12 infolge eines Brandes / Chemikalienunfalls insgesamt untersagt. Es liegen Kenntnisse über dort veranstaltete Konzerte und Partys vor, die nur einen kleinen Ausschnitt der dort real stattgefundenen Events sein dürfte. Dass darunter auch nicht-politische elektronische Partyveranstaltungen waren und sind, ist längst kein Geheimnis mehr.

Ziel muss es sein, die Besitzverhältnisse und die Nutzung der Kamenzer Straße durch Nazi-Akteure in den Fokus zu nehmen und weiter zu politisieren. Ein Objekt, das in dieser Weise erinnerungspolitische Relevanz besitzt und gleichzeitig ein Gedenkort für die Verbrechen der Nazi-Zeit ist, darf nicht unwidersprochen in Neonazi-Händen bleiben.

Ein Gedanke zu „Ehemaliges Zwangsarbeiterlager in Leipzig in Neonazi-Hand“

  1. Wo bleibt eigentlich der Staatsschutz in Leipzig mit den Erkenntnissen zu dieser rechten Scene ?
    Außerdem müßte die Leipziger Polizei solche Konzerte auflösen. Zumindest sollte der OBM, Herr Jung solche Entwicklungen des Eigentumerwerbs von Nazianhängern in Leipzig nicht dulden.

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