Das Völkerschlachtdenkmal ist eben kein „Friedensdenkmal“

„Eine breite und öffentliche kritische oder distanzierte Auseinandersetzung mit dem Denkmal, dem Anlass und dem Weg zur Errichtung fehlen“, sagt Juliane Nagel vom Aktionsnetzwerk Leipzig nimmt Platz“ im L-IZ-Interview.

Quelle: Leipziger Internetzeitung, 8.8.2011, Gernot Borris

 

Frau Nagel, was bedeutet für Sie persönlich das Leipziger Völkerschlachtdenkmal?Nun, es ist eines der bekanntesten Wahrzeichen von Leipzig. Ganz persönlich hat das Völkerschlachtdenkmal für mich keine Bedeutung, es wirkte in seiner Wuchtigkeit und Monumentalität auf mich immer eher angsteinflößend. Je mehr ich mich mit Geschichte und Symbolik des Völkerschlachtdenkmals auseinandergesetzt habe, umso kritischer ist meine Haltung auch geworden.

Badewannen-Rennen, Courage-Konzerte, Ziel von Nazi-Demos: das Völkerschlachtdenkmal ist und war in den letzten Jahren Kulisse für ganz Verschiedenes. Wie erklären Sie sich diese Verschiedenheit?

Ja, es gibt eine gewisse Orientierungslosigkeit im Umgang mit dem Denkmal, wobei die positiven Bezugnahmen im Großen und Ganzen überwiegen.

Die Nazis bauen das im Ursprung nationalistische und militaristische Denkmal natürlich in ihr Ideologie-Setting ein. Demokratieorientierte Initiativen wie der Courage e.V. wollen das Gelände mit Inhalten füllen, die sich klar gegen Neonazismus richten, haben dabei aber verpasst sich kritisch mit der Kulisse an sich auseinanderzusetzen.

Eine Schar von Vereinen bezieht sich mit der regelmäßigen Inszenierung von Krieg positiv bzw. unkritisch auf das Denkmal und betreibt eher Traditionspflege als eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit Entstehungskontext und Geschichte des Denkmals. Und wieder andere versuchen das Völkerschlachtdenkmal als „neutrale“ Kulisse zu betrachten.

Eine breite und öffentliche kritische oder distanzierte Auseinandersetzung mit dem Denkmal, dem Anlass und dem Weg zur Errichtung fehlen, obwohl es ausreichend Fachliteratur gibt, die dies leistet.

Die NPD will am 20. August 2011 erneut vor das Denkmal ziehen. Sachsens Regierung nennt das Völkerschlachtdenkmal einen „Ort von historisch herausragender Bedeutung, der an die Opfer eines Krieges erinnert“ und will dort das Demonstrationsrecht einschränken. Wie bewerten Sie dieses amtliche Eingeständnis, dass das Denkmal spätestens seit der Weimarer Republik von der extremen Rechten vereinnahmt wird?

Ich würde meinen, dass das Denkmal vom Zeitpunkt der Konzeptionierung, über die Eröffnung 1913 über den Ersten Weltkrieg hinaus hinreichend Anknüpfungspunkte für nationalistische, völkische und militaristische Positionen hatte. Dafür stand nicht zuletzt der Patriotenbund, der die Errichtung des Denkmals initiiert und vollzogen hatte. Auch in den architektonischen Gestaltungselementen und in der Größe des Denkmals – es überragt alle anderen Denkmäler in Europa – spiegelt sich dies wider.

Aber zur Frage: schön und gut, dass die schwarz-gelbe Regierung eingestanden hat, dass Nazis das Völkerschlachtdenkmal gern als Aufmarschort nutzen. Die Methode sich diesem Fakt zu stellen, halte ich allerdings für falsch und auch für verfassungsrechtlich bedenklich. Ein Eingriff in der Grundrechte – hier die Versammlungsfreiheit als höchstes Gut kollektiver Meinungsbildung und –äußerung – als Mittel gegen die Feinde der Demokratie anzuwenden, mutet – gelinde gesagt – absurd an. Anstatt Demokratie abzubauen, sollte die Staatsregierung lieber eine kritische Auseinandersetzung mit neonazistischen Ideologien und die Arbeit für eine demokratische Kultur wertschätzen und fördern.

Die Botschaft von Schlacht und Denkmal sind ambivalent. Herrschende verschiedener Epochen haben sich vor dem Denkmal inszeniert, zumeist in Abgrenzung gegen Frankreich, die bürgerlichen Freiheiten oder den Westen allgemein. Welche Botschaft kann von daher ein Doppeljubiläum 2013 eigentlich haben?

Das Doppeljubiläum kann nur still und nachdenklich begangen werden, ohne lärmende Kriegstümelei und Nationalkult. Hintergründe und Verlauf der Völkerschlacht mit ihren 120.000 Opfern müssen genauso kritisch reflektiert werden wie die ideologische Motivation der Errichtung des Völkerschlachtdenkmals. Es ist eben kein „Friedensdenkmal“ und steht in seiner Grundidee für Nationalismus und autoritäre Vorstellungen.

Die Grundintention eines Denkmals kann in meinen Augen ebenso wenig weggedeutet werden, wie die daran anknüpfenden Bezugnahmen von Herrschenden der nachfolgenden Epochen. Darum bin ich skeptisch, ob Völkerschlacht und das zugehörige Denkmal überhaupt Ansatzpunkte für eine positive Botschaft, wie ich sie mit den Worten Frieden, Weltoffenheit, Solidarität formulieren würde, sein kann.

Hat sich aus Ihrer Sicht die Stadtpolitik der besonderen inhaltlichen Herausforderung des Doppeljubiläums hinreichend gestellt?

Zuerst einmal stellt die Stadt ja eine Menge Geld zur Verfügung, für die Sanierung des Denkmals einerseits, für die Festivitäten andererseits. Die Liste an Vorhaben lässt auf einen differenzierte Betrachtung von Schlacht und Denkmal hoffen. Besonders gespannt bin ich auf die Sonderausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums, Europäisches Jugendtreffen und Jugendmedienprojekt. Zu hoffen bleibt, dass nicht das Jubeln und die historischen Gefechtsdarstellungen überwiegen, sondern die kritischen Reflexionen durchdringen. Hierfür tragen meines Erachtens Stadtpolitik und Medien eine Verantwortung.

Was können Linke im Oktober 2013 zum Doppeljubiläum eigentlich begehen?

Nicht anders als ich es in der Frage nach der Botschaft des Doppeljubiläums umrissen habe. Hinzuzufügen wäre, dass Geschichte aus meiner Sicht nicht herausgelöst betrachtet werden kann. Eine Linke sollte anlässlich des Jubiläums einen eingehenden Blick auf die deutsche und die eigene Geschichte seit 1813 bzw. 1913 bis in die Gegenwart werfen.

Wie viel Leid haben die Deutschen seitdem über die Welt, über viele Millionen Menschen gebracht, warum ist die Idee eine Gesellschaft der Freien und Gleichen nicht wirkungsmächtiger geworden – solche Fragen gehören für eine Linke in meinen Augen zu besagtem Doppeljubiläum.

Nicht zuletzt muss sich auch kritisch mit der Deutung des Völkerschlachtdenkmals in der DDR auseinandergesetzt werden. Hier wurde das Denkmal und sein Errichtungsanlass einfach in die herrschende Geschichtsauffassung eingefügt, das Denkmal offiziell der historischen deutsch-sowjetische/russischen Waffenbrüderschaft gewidmet. Militär und Soldatentum spielten in Verbindung mit dem Monument eine positive Rolle, im letzten Jahrzehnt der DDR wurden militärhistorische Gruppen gegründet.

Mancher schlägt einen geschichtlichen Bogen von den Befreiungskriegen und der Völkerschlacht zur Friedlichen Revolution 1989. Inwieweit können Sie dies nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Diese Bezugnahme wäre äußerst schief. War die Völkerschlacht eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen absolutistisch regierten Staaten, in deren Folge 120.000 Menschen zu Tode gekommen sind, hat die politische Wende 1989/ 1990 weder Todesopfer gefordert, noch kann von einer Kriegshandlung gesprochen werden, vielmehr von einer Erhebung von Menschen gegen ein System.

Zugegebenermaßen verleitet der Vergleich zwischen beiden grundverschiedenen historischen Ereignissen, den Nationalismus als Gemeinsamkeit herauszuarbeiten. Von der Völkerschlacht ging eine große nationale Aufbruchstimmung aus, die nach der Errichtung eines “echten völkischen Denkmals“ verlangte.

Auch die politische Aufbruchsstimmung 1989 führte zu nationalistischen Blüten, in den 1990er Jahren auch zu rassistischen Pogromen.

Tatsächlich wäre eine Engführung dieser beiden Stimmungen jedoch ahistorisch. Ich wünsche mir, dass die Erinnerung an den Aufbruch von 1989 reflektierter vonstatten geht, als die an die Völkerschlacht, und dass auf Monumental-Denkmäler wie das Völkerschlachtdenkmal verzichtet wird.

Wie sollte sich die Stadtgesellschaft insgesamt mit Denkmal und Jubiläum auseinandersetzen?

Kritisch und nachdenklich. Ich wünsche mir, dass das das Jubiläum und das Denkmal für eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem deutschen Nationalismus und den Kriegen, die insbesondere von Deutschland ausgingen, genutzt wird.

2 Gedanken zu „Das Völkerschlachtdenkmal ist eben kein „Friedensdenkmal““

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