Beratung bei häuslicher Gewalt während Corona – mit Susanne Hampe von Bellis e.V.

Die inzwischen 17. Folge der linXXnet talXX dreht sich um die Arbeit von Beratungsorganisationen für Betroffene häuslicher Gewalt während der coronabedingten Kontaktbeschränkungen und ebenso um das aktuelle Leipziger Modellprojekt zur »vertraulichen Spurensicherung« bei häuslicher Gewalt und Vergewaltigung. Als Gesprächspartnerin fungierte diesmal Susanne Hampe von Bellis e.V., die schon seit vielen Jahren in feministischen Zusammenhängen in Leipzig aktiv ist.

Der erste Teil dieser Folge beleuchtet die Situation der Betroffenen von häuslicher Gewalt während der Corona-Krise. Vielerorts formulierten Expert*innen zu Beginn des Lockdowns im März die Befürchtung, es werde durch die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu einem massiven Anstieg von häuslicher Gewalt kommen. Susanne Hampe berichtet aus den vergangenen Wochen anhand der bundesweiten Zahlen allerdings von »wesentlich weniger Frauen, die die Hilfeeinrichtungen in Anspruch genommen haben«. Für sie ist das jedoch keinesfalls verwunderlich, da die Betroffenen in der aktuellen Situation einer »stärkeren sozialen Kontrolle« unterlägen. Zudem könnten die Beratungsstellen derzeit keine persönliche Betreuung gewährleisten, sondern lediglich durch Telefon- und Chat-Formate Beratungen durchführen.

Mittlerweile sei allerdings wieder eine »Normalisierung« der Zahlen zu beobachten, da die Betroffenen inzwischen durch die aufgehobenen Ausgangsbeschränkungen wieder die Wohnung verlassen könnten. »Aber es ist jetzt kein signifikanter, extremer Anstieg zu beobachten, aus Sicht der Beratungseinrichtungen«, sagt Susanne Hampe, und fügt gleich darauf hinzu, dass sie jedoch definitiv davon ausgehe, dass die Zahl der Betroffenen zugenommen habe. Allerdings sei dies in der Anzahl der Meldungen bei den Beratungseinrichtungen nicht abgebildet, da die Betroffenen oft keine entsprechenden Ressourcen hätten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Im zweiten Teil dieses Talks widmen wir uns dem neuen Modellprojekt des Leipziger Vereins Bellis e.V. zu vertraulichen Spurensicherung bei häuslicher Gewalt und Vergewaltigung. Susanne Hampe beschreibt es als ein Projekt , »was weniger direkt die Betroffenen adressiert, sondern eher das medizinische Hilfesystem«. Grund dafür ist, dass Betroffene oft schlechte Erfahrungen bei der Spurensicherung in medizinischen Einrichtungen machen, die unzureichend geschult sind, zu wenig Routine in diesem Bereich haben oder aufgrund unzulänglicher Rechtskenntnis grundsätzlich die Polizei hinzuziehen wollen, wenn Betroffene eine Spurensicherung nach Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt erbeten. »Unser Ansatz bei Bellis ist, sozusagen die Mediziner*innen zu schulen, und zwar kontinuierlich zu schulen«, um »ein standardisiertes Vorgehen zu etablieren, in möglichst vielen medizinischen Einrichtungen der Untersuchung, aber auch der Befunddokumentation«, skizziert Susanne Hampe das Vorgehen des Modellprojekts. Betroffene sollen somit die Möglichkeit erhalten, Spuren sichern und Verletzungen dokumentieren zu lassen, ohne direkt darüber entscheiden zu müssen, ob sie eine Anzeige stellen wollen.

Anschließend reißen wir noch einmal kurz die neue Gesetzeslage an, welche die vertrauliche Spurensicherung in dieser Form erst ermöglicht und als Krankenkassenleistung funktioniert. Dennoch erhebt sich gegen die im Gesetz formulierten Modalitäten der finanziellen Übernahme der Spurensicherung auch Kritik, wie Susanne Hampe erklärt: »Es gibt sozusagen Bereiche, die sind finanziert, und manche Bereiche sind nicht finanziert. Und aus Sicht der betroffenen Frauen und Männer macht es keinen Sinn, das nicht zu finanzieren«, lautet ihre Erläuterung der diffizilen Gesetzeslage. Allerdings sieht es laut Suasanne Hampe in Sachsen in Bezug auf die Komplettfinanzierung der vertraulichen Spurensicherung durch die Krankenkassen sogar gut aus, da das auf Bundesebene beschlossene Gesetz in den einzelnen Bundesländern jeweils eigenständig ausgestaltet werden muss und somit noch Verhandlungsmasse besteht.

Zum Schluss unseres Gesprächs blicken wir auf die Ambitionen des Modellprojekts auf dem Gebiet der Polizeidirektion Leipzig, das während seiner dreijährigen Laufzeit vom sächsischen Justizministerium gefördert wird. »Wir wollen möglichst viele medizinische Einrichtungen erreichen, dass die sagen: Ja, wir machen mit bei diesem Modellprojekt, wir machen mit bei der medizinischen Soforthilfe«, fasst Susanne Hampe die Zielstellung zusammen. Daraus solle dann ein Netz aus zahlreichen Einrichtungen gebildet werden, sodass Betroffene immer eine Anlaufstelle für vertrauliche Spurensicherung in nächster Nähe vorfinden können sollen. Außerdem stehen dem Projekt finanzielle Mittel für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung, um auf Hilfsangebote für Betroffene von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt aufmerksam zu machen. Besonders über die Möglichkeit der vertraulichen Spurensicherung nach Vergewaltigungen müsse ihrer Meinung nach breiter informiert werden, da die Wege zur Polizei oder zur psychosozialen Beratung im Gegensatz zur Spurensicherung eben nicht die für Betroffenen wichtigsten Fragen nach einer möglichen Schwangerschaft, Infektionen oder Verletzungen beantworten.

»Wenn wir das schaffen, wenn wir das in drei Jahren hinkriegen in unserer Modellregion, dann haben wir unglaublich viel erreicht, um es dann auf ganz Sachsen zu übertragen«, fasst Susanne Hampe abschließend ihre Ambitionen und Ziele für das Projekt zusammen. Ich wünsche ihr dafür viel Erfolg und Durchhaltevermögen!

Zur Website von Bellis e.V. geht’s hier: https://bellis-leipzig.de

Die komplette Folge und weitere linXXnet talXX gibt’s hier: https://youtu.be/nFo4MA4isTY

2 Gedanken zu „Beratung bei häuslicher Gewalt während Corona – mit Susanne Hampe von Bellis e.V.“

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