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Scenario Lok legt sein Label ad acta

Scenario Lok (SL) hat sich aufgelöst. Nach neun Jahren Existenz packt die rechte und gewaltaffine Fangruppe des 1. FC Lok Leipzig die Koffer. Oder besser gesagt: Sie packt ihr Label ein, das für ihr Fan-Dasein beim 1. FC Lok in letzter Zeit immer hinderlicher wurde.

Nachdem der Vereinsvorstand „Scenario Lok“ (SL) aufgrund der Beteiligung an Ausschreitungen und Nazi-Allüren beim Spiel gegen den SV Babelsberg 03 im Juli 2013 ein Auftritts- und Erscheinungsverbot sowohl für die Heimspiele als auch für die Auswärtsspiele des 1. FC Lok erteilte und dies nach einem Jahr verlängerte, brodelte es in den SL-Reihen. In den vergangenen Monaten kam es zu diversen Anschlägen – auf die Geschäftsstelle, die von Fans sanierte Trainingshalle und Autos von Verein und Präsidiumsmitgliedern. Bei einem der Vorfälle hinterließen die TäterInnen den Spruch “Scenario, wir lassen uns nicht verbieten”. Die Urheberschaft dieser Ausfälle werden dem Scenario zugeschrieben, was deren Standing in der Fanschaft nicht gerade verbesserte.

In ihrer Auflösungserklärung wird sodann auch kräftig gejammert: “Uns wurden Sachen zur Last gelegt, ohne wirkliche Beweise! Es wurden Unterstellungen gemacht, ohne wirklich zu argumentieren und diese zu hinterlegen.“

Die zeitliche Nähe zwischen Zerstörungs- und Bedrohungsaktionen sowie die hinterlassenen Spuren werden von der Fangruppierung, die auch der Verfassungsschutz als neonazistisch einstuft, geflissentlich außer Acht gelassen. Dies würde die eigene Opferrolle in Frage stellen.

Gleichzeitig macht “Scenario Lok“ in seiner Auflösungserklärung unmissverständlich deutlich, dass dem Verein nicht der Rücken gekehrt werden soll. “Es geht um unsere gemeinsame Liebe – unseren FC Lok! Für unsere Farben und für die Tradition! Blau und Gelb ein Leben lang!“ heißt es dort.

 

gauner-fb-051014Fakt ist also, dass die Scenario-Mitglieder entweder als freie Atome in der Fanschaft aktiv bleiben oder sich anderen Fangruppen zuordnen. Hier rücken die gelegentlich als Nachwuchs von SL gewertete Ultra-Gruppierung “Gauner Lok“ sowie die “unpolitische Gruppe“ “Lipsia Pride“ ins Visier. “Gauner“ hatte sich in den vergangenen Wochen mit Choreografien mehrfach mit “Scenario“ solidarisiert, zudem soll der ehemalige Capo und JN-Aktivist Marcus W. inzwischen zu den “Gaunern“ gewechselt sein. Mit “Lipsia Pride“ verbindet “Scenario“ die Trauer um den 2011 verstorbenen F., der dem Umfeld von SL zugeordnet werden konnte.

Es bleibt also weiter spannend in der Fanschaft des 1. FC Lok. Der Verein scheint sich den Ambitionen rechtsorientierter Fans trotz diverser richtiger Maßnahmen nicht entziehen zu können. Dass die für das Spiel Lok gegen Cottbus am 1.11.2014 angekündigte Abschiedschoreographie von Scenario ausblieb, darf nicht als Zeichen der Entspannung gewertet werden.

 

>>> ausführlicher Artikel zu Scenario Lok (Dezember 2012)

>>> Lok Leipzig & die Babelsberg-“Krise” (August 2013)

* Bild: Sceenshot Eintrag auf  Gauner-Lok-Facebook-Seite, Protest gegen Hausverbote für SL-Zugehörige (eingesehen am 2.11.2014)

5 Gedanken zu „Scenario Lok legt sein Label ad acta

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  2. Jorge

    [auch in Bezug auf die Zitate in der LVZ]

    Hallo Juliane,

    ich finde es ja sehr gut, dass Du nicht müde zu werden scheinst auf gewisse Missstände hinzuweisen. Allerdings finde ich es auch sehr bedauerlich, dass Du Menschen die hart daran arbeiten diese Situationen zu verbessern, bei dem kleinsten Problem, durch deine Äußerungen, in der öffentlichen Wahrnehmung schwächst, anstatt sie in diesem Prozess zu unterstützen, der nicht von einem auf den anderen Tag realisierbar ist.

    Du hast recht, die Probleme im Zusammenhang von Rechtsradikalen sind mit der Auflösung von Scenario leider nicht beendet, weder bei LOK, noch im Fußball oder gar in der Gesellschaft. Sollte sich der Verein Lokomotive Leipzig irgendwann auflösen, z.B. auf Grund der schwierigen Situation bei der Akquise von Sponsoren, dann verschwindet dieses Problem allerdings nicht auf einmal, da es nicht vom Verein sondern von der Gesellschaft geschaffen worde. Während Radikale der Gemeinschaft weiterhin erhalten bleiben würden, würden gleichzeitig sehr viele positive Aspekte die mit diesem Verein einhergehen verschwinden und dies würde für viele Menschen ein großer Verlust darstellen, denn LOK ist weit mehr als nur die 1te Herrenmannschaft.

    Das soll keineswegs bedeuten, dass der Verein nicht weiter gegen radikale und gewaltbereite Fangruppierungen vorgehen soll oder dass Du aufhören sollst, auf etwaige Gefahren in diesem Zusammenhang hinzuweisen, ich weiß es oft sehr zu schätzen, wenn du deinen Finger in die Wunde legst. Nur würde ich mir das ein oder andere Mal ein wenig mehr Fingerspitzengefühl deinerseits wünschen. Du solltest dir auch die Frage stellen, ob Du mit deinem Artikel gerade dazu beiträgst die Situation auch wirklich zu verbessern oder ob Du ab und an nicht sogar den radikalen Kräften durch deine Formulierungen in die Karten spielt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jorge

  3. Jule Artikelautor

    Hi Jorge,
    danke für die Kritik, die ich (im Gegensatz zu Pöbeleien) gern annehme.
    Ich habe seit Sommer 2013 nicht aufgehört das Vorgehen des Vorstandes in Bezug auf den Umgang mit SL und auch die Fanarbeit an und für sich zu begrüßen und zu unterstützen. Dazu finden sich auf diesem Blog zahlreiche Beispiele.
    Als im vergangenen Jahr die 03-Fans zum Rückspiel in Leipzig ne Demo gegen Lok machen wollten, hab ich der LVZ klar gesagt, dass dies der falsche Ansatz ist und die guten Entwicklungen übersehen werden..

    Ich stelle mir als kritische Beobacherin allerdings tatsächlich die Frage was diese Auflösung bedeutet. Die SLer schwören auf den Verein .. Meinst du denn, dass sie ohne den Gruppenzusammenhang anders ticken?
    Gerüchteweise hörte ich zudem, dass just jetzt diverse Hausverbote gegen Leute aus genau dem Spektrum aufgehoben wurden. Zufall? Und was hat das zur Konsequenz? Bin sehr interessiert daran die positiven Entwicklungen in den Fokus zu rücken, Wenn ich da was übersehen habe in den aktuellen Entwicklungen, dann nehm ich das gern auf.

  4. Jorge

    Hey Juliane,

    ja das mit den Pöbeleien ist natürlich eine unschöne Sache, Du bist inzwischen für sehr viele so etwas wie ein rotes Tuch. Letztendlich bin ich der Meinung, dass ein Dialog immer Monologen der verschiedenen Seiten vorzuziehen ist, wobei es dafür natürlich auch erst einmal schrittweiser Annäherung bedarf. Ich denke unsere aktuelle Führung ist generell für konstruktive Kritik offen, nur mangelt es eventuell manchmal auch an entsprechenden Ressourcen wie Zeit oder Personal.
    Dem Vorstand vorzuwerfen, dass er teilweise kapitulieren würde, ist aus meiner Sicht über das Ziel hinaus geschossen und verhindert somit eher eine Annäherung und die spätere Chance auf Dialog, genau wie die oder die Fokussierung auf das Negative. Ein Blick von außen kann einem durchaus die Augen dafür öffnen, dass man z.B. die Zügel gerade etwas schleifen lässt. Eine solche Kritik auch anzunehmen, fällt bedeutend leichter, wenn die jeweiligen Parteien entsprechendes Feingefühl für die Situation des anderen mitbringen.

    „Meinst du denn, dass sie ohne den Gruppenzusammenhang anders ticken?“

    Kommt darauf an, allein weil es sich um eine Gruppe handelt ist dies unmöglich zu pauschalisieren. Es gibt definitiv viele Sympathisanten und Mitglieder die gar nichts mit rechtem Gedankengut zu tun haben.
    Der Gruppenzusammenhang ist sicher ein sehr wichtiger Grund für viele sich für die Gruppe zu begeistern und die Beziehungen der Mitglieder werden zu großen Teilen auch nach der Auflösung weiterbestehen. Das Ganze ist aus meiner Sicht, wie bereits im ersten Beitrag erwähnt aber ein gesellschaftliches Problem. Viele der Jungs haben nicht sehr viele Chancen bekommen, hatten keine Unterstützung bei ihren Problemen und sind nicht in familiären Verhältnissen aufgewachsen wie sie seien sollten.

    Ich weiß leider nichts über die Aufhebung von Hausverboten und kann mich daher diesbezüglich nicht äußern. Generell finde ich das grundsätzlich nicht verwerflich, denn Ziel von Bestrafung sollte niemals die Ausgrenzung sein, sondern vielmehr sollte dahinter ein erziehungstechnischer Anspruch stehen.

    Soll heißen ich bin für klare Regeln(wie Verwarung, gelbe Karte, befristetes Hausverbot, dauerhaftes Hausverbot) die dann auch konsequent und transparent umgesetzt werden. Gleichzeitig empfinde ich es als sehr wichtig, dass die Jungs nach Fehlern die Chance bekommen sich anzupassen und das auch mehr als einmal. Das trifft insbesondere auf Jugendenliche und junge Männer unter 21 zu, die in ihrem Leben nie gelernt haben sich an Regeln zu halten. Was wäre die Konsequenz, wenn wir sie auch aufgeben?

    Ich bin kein großer Fan von dem Wort Realpolitik, aber der Vorstand hat da auch eine sehr komplexe Aufgabe vor sich, eben weil leider nicht alles so schwarz/weiß ist, wie es oft beschrieben wird. Um zum Beispiel entsprechende Hausverbote wie von Dir gefordert auszusprechen, sollten dem Ganzen im Sinne der Transparenz und der Unschuldsvermutung auch Beweise zugrunde liegen, was manchmal bedeutend schwieriger ist als man denken mag.

    Mir ist auch nicht verborgen geblieben, dass Du auch positive Entwicklungen thematisierst, dass habe ich sehr erfreut zur Kenntnis genommen. Im Gesamtbild erscheint der Verein allerdings in einem sehr negativen Licht, was dem Verein meiner Meinung nach überhaupt nicht gerecht wird, LOK schafft einen großen gesellschaftlichen Mehrwert und das trotz der Chaoten. Es erscheint mir viel eher als würde die Politik zu großen Teilen kapitulieren, die Verantwortung verschieben und das Pferd von hinten aufzäumen zu wollen. Der Verein ist Teil der Lösung und nicht des Problems, es wäre sehr begrüßenswert, wenn uns da z.B. seitens der Stadt eine größere Unterstützung zu Teil würde. Ich wiederhole mich da sehr gerne, wenn der Verein von der Bildfläche verschwinden würde, würden alle angeprangerten Probleme bleiben, allerdings viele positive Aspekte verschwinden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jorge

  5. Jule Artikelautor

    Hi Jorge
    es scheint so, dass Menschen, die von aussen schauen ganz andere Erwartungen haben. Die aktuelle Aufhebung von Hausverboten trägt da nicht zur Vertrauensbildung bei. Im Gegenteil ruft die Parallelität der Auflösung von SL und den Hausverbots-Aufhebungen Verschwörungstheorien hervor (die ich nicht unbedingt trage).
    Es gibt in dieser Stadt und in diesem Land den latenten Hang alles schön zu reden (wir sind weltoffen, wir dulden „Extremismus“ nicht in unseren Reihen, wir haben doch so viele „Ausländer“ dabei…). Die Kultur Probleme offensiv anzusprechen existiert nicht. Auch nicht bei Lok. Im Gegenteil wird die Opferrolle rausgehängt und auf die MigrantInnenkids in den Nachwuchsmannschaften verwiesen. Solang die klare Linie mit SL, der Fankodex und der Fanbeirat ernste Schritte waren, war ich angetan. Auch die Verlängerung des Auftrittsverbotes für SL: gute Sache.
    Regintegration. ok. Aber waren die Leute von SL, die jetzt auch Hausverbote aufgehoben bekommen, bereit den klaren Kodex zu akzeptieren (und für wen gilt der eigentlich?) Können neue, explizit nicht.rechte Fangruppen ohne Angst agieren? Mir scheint, dass der Vorstand das aktuell eher mit einem Rollback beantwortet. Transparenz gibts nicht. Aber das müsstes du als (aktiveR) Fan ja besser wissen.
    Das Stadion ist eine Verdichtung von Gesellschaft, klar dass es hier menschenfeindliche Einstellungen gibt. Lok muss genau darum ergänzend zu den vielfältigen Aktivitaeten in der übrigen Gesellschaft, klar handeln. Lok hat eben auch ne gesellschaftliche Verantwortung. Mir ist dabei klar, dass Lok nicht zum „linken“ Verein werden wird, das soll er auch gar nicht. Aber vielleicht sollten Standards einfach offensiver kommuniziert und geahndet werden? Auch auf die Gefahr hin, dass dann Fans verloren gehen.
    Gerade für Lok gibts nur eine Variante: offensiv mit dem rechtslastigen Klientel umgehen, und das betrifft nicht nur SL. Sonst nutzt das ganze Image-Primborium nix. Dass das nicht von heute auf morgen geht, klar. Gute Ansätze gab und gibt es

    LG und PS: ein rotes Tuch bin ich nicht nur für Lok-Fans ;), werde aber schauen, dass ich vorsichtiger bin mit öffentlichen Äußerungen. Hab mich aktuell auch schon beim Vorstand gemeldet

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