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Lok Leipzig & die Babelsberg-„Krise“/ Update 9.8.

Eigentlich ist es müßig, aber es scheint nötig: ein Nachwasch zu den Vorgängen beim Spiel Lok Leipzig gegen Babelsberg 03 und dem Lavieren des Vereins in Bezug auf die Konsequenzen daraus.

Einmal mehr ist mit dem Regionalligastartspiel am 3.8. der kritische Blick auf Teile des Fanklientels des Leipziger Viertligisten bestätigt worden.

Vor, während und nach dem Spiel war es bei diesem Auswärtsspiel nicht nur zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen, nein eine nicht unbeträchtliche Zahl von Lok-Fans zeigte recht deutlich ihr neonazistisches Weltbild.

 3.8.
Es begann mit einem nicht ganz zwischenfalllosen Marsch vom Bahnhof zum Stadion, dort angekommen verschafften sich ca. 50 Lok-Fans zuerst gewaltsam Eintritt zum Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam. Im Stadion zeigten ca. 20 von ihnen, dass „sie Bock haben“, versuchten in den Block der Babelsberg-03-Fans einzudringen. Dabei kam es – garniert mit Hitlergruß – zu ersten tätliche Angriffen auf die gegnerischen Fans (siehe MAZ-Video).3

Während des Spiels selbst brüllte eine recht große Gruppe im Lok-Fanblock unter anderem „Ha Ha Antifa!, Bambule, Randale, Rechtsradikale!/ Nie wieder Israel!/ Arbeit macht frei, Babelsberg 03!/ Zick zack Zigeunerpack!/ Wir sind Lokisten, Mörder und Faschisten./ Antifa, Hurensöhne!“. Auch das U-Bahn-Lied wurde gesungen. Von den anderen über 700 Lok-AnhängerInnen oder etwa der Vereinsspitze folgte keine Intervention. (siehe youtube-Video Lok-Fan)

Die Stimmung eskalierte, als eine handvoll Lok-Fans in der 67. Minute auf das Spielfeld in Richtung der Nulldrei-er Fans rannte. Das Spiel wurde unterbrochen, die BabelsbergerInnen zeigten ein Spruchband mit der Aufschrift „Raus aus der Sonne, ihr seid braun genug.“ und skandierten antifaschistische Slogans.
Lok-Vorstands-Mitglied Rene Gruschka wusste in dieser Situation nichts besseres zu tun, als „seine Jungs“ de facto jede Schuld abzusprechen, indem er sie durchs Stadionmikro aufforderte„sich nicht von den Babelsbergern provozieren zu lassen“.

Dass es hier nicht um Provokation ging zeigte spätestens die Rückreise. Eine Gruppe von ca. 60 Lok-Fans brach aus der organisierten Rückreise aus und stieg in einen Regionalzug. Dort ließen sie so richtig die Sau raus. AugenzeugInnen berichten von massiven sexistischen Ausfällen und Schimpfworten wie „Kanacken“, „Zigeuner“, „Juden“ und „Schwuchteln“ in Richtung von Mitfahrenden und Zusteigenden. Das Bahnpersonal intervenierte nicht und informierte offensichtlich auch nicht die Polizei. Als der Zug in Wiesengrund (Mark) wegen einer technischen Panne zum Stehen kam, waren lediglich zwei Polizisten vor Ort, die mit der Situation vollkommen überfordert waren, wie auch die viel später eintreffenden weiteren Beamten.

Scenario Lok
Unter den Aggro-Fans aus Leipzig, die im Babelsberger Stadion ihr Unwesen trieben, waren altbekannte Nazi-Gesichter wie Lok-Gründungsmitglied und Hausmeister des Nazizentrums in Leipzig Nils Larisch und auch bekannte Aktivsten der Ultra-Fan-Gruppe Scenario Lok, zum Beispiel die berühmt-berüchtigten „Twins“ (siehe u.a. hier unter 2.)  und Istvan R., der erst kürzlich an einem Übergriff auf Fans des Roten Stern Leipzig beteiligt war (hier). Im Lok-Forum hatte Scenario-Kapo Marcus W. in gewohnt pathetischer Art und Weise zur gemeinsamen Anreise nach Babelsberg aufgerufen. Die vor drei Wochen aus Anlass einer aus dem Ruder gelaufenen Choreographie im Bruno-Plache-Stadion aufgezogenen Wolken zwischen Vereinsspitze und Scenario Lok schienen verfolgen.

Um so heftiger sind die Einschätzungen im Nachgang zu den Ausfällen gegen Babelsberg. Im Lok-Forum gehen zahlreiche SchreiberInnen hart mit Scenario ins Gericht, manche Fans stellen sogar in Aussicht Abstand vom Verein zu nehmen. Nichts desto trotz überwiegt die Schuldzuweisung an die Babelsberg-Fans, die nach Ansicht vieler „Lokis“ das Geschehen provoziert hätten, und natürlich das Mantra vom politikfreien Stadion.

Dem kann nicht oft genug entgegnet werden: eine antifaschistische Grundhaltung, sprich das Einstehen gegen Ideologien, die Menschen abwerten und/ oder als „minderwertig“ erklären, hat nichts mit Politik zu tun, sondern muss Teil einer demokratischen Grundhaltung sein. Auch für Fußball-Fans. Insofern ist den BabelsbergerInnen für ihre unmissverständlichen verbalen Botschaften nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen.

Der Verein
Die Führung des 1. FC Lok Leipzig gab sich in öffentlichen Kommentaren nach dem Samstag scheinbar aufrichtig entsetzt und verkündete am 8.8. entschlossen Stadionverbote gegen die Gewalttäter durchzusetzen sowie Scenario Lok aus dem Bruno-Plache-Stadion zu verbannen.

Diese Positionierung hat allerdings zwei Haken.

1. Können die Ereignisse vom Samstag nicht so überraschend kommen wie das Entsetzen aus den offiziellen Statements spricht. Wer viele Jahre im Verein aktiv ist, Fanleben und Fans kennt, kann kaum behaupten nicht schon einmal Berührung mit neonazistischen Einstellungen und Gewaltaffinität bestimmter Protagonisten gehabt zu haben. Zudem gibt es seit mehreren Jahren explizite Hinweise und Aufforderungen an den Verein genau diesbezüglich aktiv zu werden. Immer wieder wurde dies vom Verein zurückgewiesen oder ausgesessen. Muss es tatsächlich erst zu einem so krassen Ereignis kommen, damit gehandelt wird? Ist das angekündigte Durchgreifen nur ein Beitrag zur Imagepflege oder könnte der entstandene Handlungsdruck tatsächlich zu einer grundlegenden Bewusstseinsveränderung bei den Lok-Verantwortlichen führen, die mit Veränderungen in der Fanarbeit, vor allem mit jugendlichem Nachwuchs, führt?

2. betrifft die durchaus komplizierte Debatte um Aktion und Reaktion. Babelsberg 03 ist für seine antifaschistisch aktive Fanschaft bekannt. Diese hatte sich auch am 3.8. gegen zurecht erwartete Nazi-Provokationen gerüstet und reagierte verbal und reaktiv auch körperlich auf die Gäste aus Leipzig, die den Erwartungen alle Ehre machte. Zurecht fragen Babelsberg-Fans – in Reaktionen auf die alt bekannte Beschwerde, dass alle Lok-Fans in eine rechte Ecke gestellt werden würden – warum den Nazisprüchen innerhalb des Gästeblocks kein Ende gesetzt wurde, sprich warum die immer wieder beschworenen Selbstreinigungskräfte nicht eingesetzt haben. Genau diese Frage muss sich Lok als Verein gefallen lassen und endlich ehrlich zu Herzen nehmen.

Wenn Vereinschef Spauke dann am 5.8. der Leipziger Volkszeitung in die Feder diktiert, dass die Fans von Babelsberg beim Rückspiel ausgeschlossen werden sollen, „um Provokationen zu vermeiden“, handelt er zwar in der Logik eines parteiischen Vereinsvorstandes, der nichts auf die eigenen Fans kommen lassen will, aber angesichts der Ereignisse in Potsdam-Babelsberg und der Probleme in der eigenen Fanschaft vollkommen unangemessen. Absurd ist ebenfalls, die Problemfans als de facto nicht zum Verein gehörig zu deklarieren (Spauke in der LVZ: „Wir werden uns von solchen Chaoten unseren Verein nicht kaputt machen lassen.“). Denn mindestens Teile dieser Fans sind Dauergäste bei Lok und konnten bisher schalten und walten wie sie wollen.

Rückwärts oder Vorwärts?
Genau jener Lok-Präsident Heiko Spauke relativierte inzwischen zudem die offensiven Äußerungen seines Vorstandskollegen und Lok-Fanbeauftragten Rene Gruschka und sprach sich gegen ein Komplett-Verbot von Scenario Lok aus. Dies bringe nichts, weil die Protagonisten dann unter anderem Namen wiederkommen würden. Eine Alternative hat er – jenseits von rein ordnungspolitischen Maßnahmen wie Stadionverboten für Gewalttäter – jedoch nicht auf Lager.

Es bleibt also spannend. Der 1. FC Lok bewegt sich haarscharf zwischen dem Versuch einer soften Trendwende und dem Rückfall in alte Muster. Beides nicht aus Überzeugung, sondern aufgrund von Handlungsdruck.

Update, 9.8.: Die Würfel sind gefallen; Präsidium und Aufsichtsrat von Lok haben in ihrer Krisensitzung umfangreiche Maßnahmen beschlossen (siehe Offener Brief vom 9.8.). Für Scenario Lok wurde „mit sofortiger Wirkung ein bis auf weiteres geltendes Erscheinungs- und Auftrittsverbot sowohl für die Heimspiele als auch für die Auswärtsspiele des 1. FC Lok ausgesprochen. Das betrifft Fahnen und Banner jeglicher Art sowie Erkennungssymbole der Gruppierung. Der 1.FC Lok bittet alle Vereine der Regionalliga, diese Entscheidung im Rahmen des jeweiligen Hausrechts mitzutragen.“ Als Gründe werden die Beteiligung an den Ausschreitungen und Nazigesängen in Babelsberg, aber auch eine gewaltverherrlichende Choreografie beim Testspiel gegen Halle und die Erwähnung im VS-Bericht angeführt.
Wie dies durchsetzbar sein und wie Scenario reagieren wird, wird zu beobachten sein.
Lok kündigte zudem noch weit reichendere vereinsinterne Maßnahmen an: die Gründung eines Fanbeirates, die Erarbeitung eines fanclubübergreifenden Ehrenkodexes, die Einrichtung eines Fanbeauftragten und die stärkere Einbeziehung von FanordnerInnen ins Sicherheitskonzept. Es ist zu hoffen, dass auch das offizielle Fanprojekt der Stadt Leipzig einen noch größeren Fuß in die Fanschaft bekommt und dass Papier nicht geduldig ist.

Gute Links!
Die unendliche Geschichte (11 Freunde, 6.8.13)
Raus aus der Sonne, ihr seid braun genug! (GAMMA, 8.8.13)
Erklärung des SV Babelsberg 03 (5.8.13)
Gefahr aus dem Gästeblock (ND, 5.8.13)
–  SV Babelsberg 03 vs. 1. FC Lokomotive Leipzig: Wenn der Fußball politisch wird (turus.net, 3.8.13) und Fotos

2 Gedanken zu „Lok Leipzig & die Babelsberg-„Krise“/ Update 9.8.

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