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„Leipziger Tradition“ Neonazis in der Fanszene des 1. FC Lok Leipzig

Viel wird derzeit über den 1. FC Lok Leipzig diskutiert, denn ihm droht (mal wieder)  das Aus.  Neben einer handvoll Finanzexperten, die sich als „Schattenkabinett“ für die Rettung des Fußball-Vereins anbieten, gehen auch die Fans auf die Barrikaden. In der ersten Reihe dabei: die Nazis von Scenario Lok. Seit jeher stört sich kaum jemand in Fanschaft und Vereinsspitze an deren Präsenz geschweige denn dominierenden Auftreten.

Nachdem Ende vergangenen Jahres kurzzeitig das Gespinst eines Investors durch den Blätterwald rauschte, der das Erbbaupachtrecht für das Bruno-Plache-Station in Probstheida vom Insolvenzverwalter abkaufen wollte, um die Heimstätte des Vereins aufzuwerten, drehte sich der Wind recht schnell. Nun ist von sechsstelligen Summen zu lesen, die Lok in die Insolvenz zu treiben drohen. Die Fanschaft geht auf die Barrikaden und eine handvoll Finanzexperten bietet sich an den Verein zu retten. Dass einer der fünf selbsternannten Retter vor vier Jahren für die rechtspopulistische Partei DIE REPUBLIKANER für den Bundestag kandidierte, ist eher eine Randnotiz. Vielmehr ist der Blick auch weiterhin auf die aktiven Fans des Vereins zu richten, die auch in der Krisensituation „die blau-gelbe Fahne“ hochhalten. Herauszueheben ist die Fangruppierung Scenario Lok, die von Neonazis angeführt wird. Scenario kämpft für den Erhalt von „120 Jahren Tradition“, Naziaktivisten standen in der ersten Reihe der 1. Montagsdemo für den Erhalt des Vereins. In diesem Sinne ist auch folgerichtig, dass eine Reihe bekannter Neonazis ein so genanntes Lok-Retter-Shirt erworben und namentlich auf der vereinseigenen Website verzeichnet sind. Auch um die Herstellung der Shirts ranken sich Gerüchte. Hat ein einschlägig bekannter Textilhändler aus dem Landkreis Leipzig möglichweise bei der Herstellung geholfen?

Die eigentlich spannende Frage ist, ob nach möglichen Neuordnungen der Personaltableaus beim „Traditionsverein“ Lok endlich offen und offensiv mit neonazistischen Fans umgegangen wird. Dies war weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart der Fall. Vielmehr hat sich die Fangruppierung Scenario Lok zur Tonangeberin im Stadion gemausert und explizit nicht-rechte KonkurrentInnen verdrängt – unter Duldung der Vereinsspitze.

Der an dieser Stelle veröffentlichte Text „Leipziger Tradition“ setzt sich mit Neonazis in der Fanszene des 1. FC Lok auseinander. Der Text ist in der Broschüre „Leipziger Zustände“ von chronik.LE im Dezember 2012 erschienen. Er soll explizt in die aktuelle Debatte eingespeist werden. Wann wenn nicht jetzt, kann Bewusstsein über einen vermeintlich nebensächlichen Aspekt des Vereinslebens geschaffen oder aber ein Umschwung in noch schlimmere Zustände abgewendet werden.

 

„Leipziger Tradition“
Neonazis in der Fanszene des 1. FC Lok Leipzig

Kaum ein Begriff wird von Fußballfans so überladen wie der der Tradition. Traditon ist da per se etwas gutes, Tradition wird von den Fans hochgehalten. Am 31. Oktober 2012 gab es ein „Derby der Traditionsteams“, wie der MDR zu berichten wusste. Gemeint war das Spiel des 1. FC Lokomotive Leipzig gegen den 1. FC Magdeburg. Die Fans der Vereine verbindet eine traditionelle Abneigung. Solche Spiele haben für aktive Fans immer eine besondere Bedeutung. Hier wird sich nicht nur auf dem Platz gemessen, sondern auch auf den Rängen. Doch während die gastgebende Lok das Spiel auf dem Feld gewinnt, herrscht auf den Rängen eher Tristesse. Nur etwa 300 der 2.500 Lokfans machen die Stimmung, ihre Sprüche und Gesänge sind im besten Fall einfallslos, gern martialisch. Der Gegner aus Magdeburg wird von jenen Fans mehrfach mit dem Begriff „Asylanten“ belegt, was in dem Fall wohl eine Beleidigung sein soll.

Die aktive Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig 2012: Es sind vornehmlich junge Männer, eher schwarz gekleidet als blau-gelb, die sich selbst als „Hooligans“ bezeichnen – das ist auch einer ihrer „Gesänge“ [1]. Sie scharen sich hinter dem Logo von Scenario, der derzeit aktivsten Fangruppierung bei Lok. Einer sticht heraus, im gelbem Pullover mimt er den Vorsänger der Gruppe, den Capo: Marcus W., Neonazi, Freie Kräfte Leipzig [2].

Scenario – rechte Ultras

Über die Fangruppierung Scenario muss eigentlich nicht viel gesagt werden, Aufklärungsarbeit ist nicht mehr notwendig. Selbst der Verfassungsschutz hat nach mehreren Medienberichten erkannt: Scenario ist eine neonazistisch dominierte Fangruppierung. [3]. Führungsgestalten sind bekannte Leipziger Kader der jugendsubkulturell orientierten Freien Kräfte [4], eine ihrer letzten Partys fand im lokalen NPD-„Bürgerbüro“ statt, es gab Übergriffe auf Besucher_innen eines Sommerfestes vom nebenan gelegenen Künstler_innen-Haus.

Zwischen 2004 und 2006 entstanden innerhalb der Lok-Fanszene mehrere neue Ultra-Gruppierungen: Scenario sowie die Ultras Lok Leipzig, Blue Side und zuletzt die Blue Caps. Erst im Laufe der Zeit zeigte der Einfluß älterer Neonazis und Nazihools bei Scenario, Ultras Lok Leipzig und Blue Caps Wirkung. Während sich die Ultras von Blue Side auf die Unterstützung der eigenen Mannschaft konzentrierten, Fanchoreographien entwickelten und mit Gesängen und Rufen supporteten, verlegten sich Scenario, die Ultras Lok Leipzig und die Blue Caps zunehmend auf hooligantypische körperliche Auseinandersetzungen abseits des Stadions. Dieses „Selbstverständnis“ hat sich bis heute gehalten.

Die Blue Caps erlangten eine gewisse „Berühmtheit“, als Journalist_innen nach schweren Ausschreitungen bei einem Pokalspiel im Jahr 2007 gegen die zweite Mannschaft von Erzgebirge Aue die Fanszene von Lok Leipzig genauer unter die Lupe nahmen. So zeigte sich, dass die Gruppierungen trotz ihrer neonazistischen Verbindungen und Ausrichtung jahrelang im damaligen Fanprojekt ein- und ausgingen. Ein Foto zeigt die Ultras Lok Leipzig mit ihrer Zaunsfahne vor dem Eingang des damaligen Fanprojektgebäudes. Diese Zaunsfahne, in den von Nazis gern genutzten Farben schwarz-weiß-rot, war mit dem Namen der Gruppierung sowie „Nationaler Widerstand“ beschriftet.

Strategiewechsel im Stadion

Ob willkommen oder nicht: Der Verein Lok Leipzig nutzte dieses und ein weiteres Ereignis im Jahr 2008, um die neonazistisch ausgerichteten Gruppierungen vom Stadion fern zu halten. Die Blue Caps hatten eine Demonstration der Freien Kräfte und der NPD-Nachwuchsorganisation JN Leipzig auf ihrer Internetseite beworben [5]. Der Verein erließ seinerzeit ein Verbot für Symbole und Schriftzüge der Blue Caps sowie einzelne Hausverbote. Außerdem ging Lok juristisch gegen die Verwendung seines markenrechtlich geschützten Vereinslogos auf der Hompage der Gruppe vor.

Zwischen 2007 und Ende 2011 waren jene offen rechten Gruppierungen, da sie nicht ins Stadion durften, in ihrem Tun stark eingeschränkt. Das führte offenbar auch zu einem Umdenken bei den Akteuren: Allzu offensichtliche Verbindungen zwischen Fan- und Neonaziszene im wie außerhalb des Stadions wurden vermieden. Der „Nationale Widerstand“, also die Ultras Lok Leipzig, lösten sich auf, genauer: sie traten über, wie der User „Nordland“ im Fanforum von Lok Leipzig berichtete. „Nordland“ ist der bereits erwähnte Capo von Scenario, Markus W. Er schrieb im üblich heroischen Stil: „Die Ultras LOK Leipzig sind vor einigen Jahren komplett zu Scenario übergetreten und seit dem wird der Name als ehrenvolle Sektion von SL [Scenario Leipzig / die Redaktion] verwendet.“ Auch die seit 2008 nach der Nazidemo mit Hausverboten belegten Blue Caps existieren nunmehr als Gruppierung nicht mehr, die Verbindungen zur JN und zum NPD-Zentrum in der Lindenauer Odermannstraße 8 waren wohl zu eindeutig.

In dieser Zeit gelang es dem Verein, sich als aktiv im Kampf gegen Neonazismus im Stadion darzustellen. Die verbliebene Ultra-Gruppierung Blue Side konnte mehr oder weniger unbehelligt agieren, es gab Aktionen zum UEFA-Antirassismus-Tag und der Verein blieb von weiteren Skandalen weitgehend verschont. Im Jahr 2011 allerdings liefen die letzten Haus- und Stadionverbote, die diese Szene betrafen, aus. Seitdem scheint sich ein gewisser Burgfrieden eingestellt zu haben, sprich: solange die seit Jahren bekannten Neonazi-Akteure nicht mehr vereinsschädigend agieren, werden sie vom Verein geduldet. Dem Verein Lok Leipzig, der damals auf öffentlichen Druck hin Neonazis ausgeschlossen hat, liegt nachvollziehbar viel daran, nicht mehr negativ ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden. Viel mehr scheint hinter dem Kampf gegen Neonazis im Stadion allerdings auch damals nicht gesteckt zu haben.

„Heim ins Stadion“

Das „Tauwetter“ für jene Gruppierungen deutete sich im April 2011 an. Damals war ein junges Mitglied der Scenarios bei einem Verkehrsunfall verstorben. Blue Caps wie Scenario riefen deswegen zu einem „Trauermarsch“ auf. Der ästhetisch eindeutig an Nazi-Aufmärsche angelehnte „Trauermarsch“, mit Fackeln und allem Pipapo, vom organisierten Neonazispektrum angeführt, führte direkt ins Stadion zum Spiel des 1. FC Lok gegen Carl Zeiss Jena II [6]. Und alle kamen sie damals rein, obwohl die Stadionverbote noch nicht ausgelaufen waren. Verein, ehemaliges Fanprojekt und Polizei schoben sich die Schuld dafür gegenseitig zu, verantwortlich wollte niemand sein.

Die neuen alten Handlungsspielräume nutzend, griff Scenario nach der Rückkehr ins Stadion erstmal durch: „Interne Streitigkeiten“ der Blue Side zum Anlass nehmend, setzten sie mit Gewalt die Auflösung der Gruppe durch: „die gruppe scenario lok hatte gestern aufgrund der spannungen in der fanszene beschlossen die gruppe blue-side-lok aufzulösen. dies geschah im interesse der fanszene leipzig und wird von der mehrheit der fanszene begrüßt“, schrieb der User „Scenario“ in einem Hooliganforum [7]. Ganz so unumstritten, wie vom Autor dieser Zeilen dargestellt, ist das Ganze aber nicht. In Fankreisen wird seitdem immer wieder gefragt, wie die Auflösung ablief und was deren Hintergrund gewesen sein soll. Blue Side hatte mit den Choreografien und der Stimmung im Stadion nämlich einige Sympathien in der Fanszene erworben. Mit der Stimmung im Stadion war es schlagartig vorbei, die damals bereits sinkenden Zuschauer_innen-Zahlen erreichten neue Rekord-Tiefststände, trotz sportlichem Erfolg und Aufstieg. Neben der (fehlenden) Stimmung liegt das unter anderem auch daran, dass Teile der Fanszene bei Lok nicht mehr ins Stadion gehen – weil sie keine Lust haben, in einem von Neonazis dominierten Fanblock zu stehen, oder weil sie selbst Angst haben, von jenen behelligt zu werden.

Seitdem versucht Scenario sich als der große und starke Einheitsbringer innerhalb der Fanszene zu gerieren. Noch nach der Auflösung der Blue Side veröffentlichten die verbliebenen Gruppierungen Scenario und Blue Caps ein Fanzine unter dem Titel „Fanszene Lok Leipzig“, in welchem jene Einheit gepriesen wurde. Blue Side wird hier sogar noch als gleichberechtigte Gruppierung erwähnt, allerdings ungefragt, weil aufgelöst. Alle Versuche von Scenario, etwas „Neues“ aufzubauen, fanden bisher noch keine große Würdigung der restlichen Fans. Das mag auch an der Kreativitätsarmut der Nazis liegen, die zwar Spruchbänder malern und Fangesänge initiieren, an martialisch-heroischer Dämlichkeit aber kaum zu übertreffen sind.

Wissend um den eigenen Ruf orakelten die Gelegenheitsdichter beim Spiel 1. FC Lok gegen den 1. FC Magdeburg am 31.10.2012 auf einem Transparent: „Man macht uns zu Verbrechern, zu finsteren Gestalten – doch selbst wenn Lok Leipzig fällt werden wir die Stellung halten. Scenario LOK”. [8] Ob sie selbst einen Zusammenhang herstellen wollten zwischen dem Wirken ihrer Gruppe und dem soldatischen Ableben des Vereins Lok Leipzig, ist eher unwahrscheinlich. Die Tatsache, dass Scenario als einzige aktive Gruppe innerhalb der Fanszene übrig geblieben ist, mag auch erklären, dass der Verein seine Nazis derzeit gewähren lässt – denn ohne Scenario wäre da gar nichts mehr. Beispielhaft dafür ein weiterer Eintrag des Users „Nordland“ (Marcus W.) im Lokforum, der die Hoffnungen der Scenarios Ende 2011 spiegelt:

„Dies [die erstmalige Anwesenheit der ehemaligen Stadionverbotler / die Redaktion] ist auch der Grund, warum Stimmung vom Tor 1 zu diesem Spiel aus ging, denn die aktive Szene formiert sich unter SL komplett neu und man kann durch geballte Kraft und unter gesammter Gruppenstärke endlich etwas Großes (inklusive Stimmung) bei LOK aufbauen. Hoffentich lässt man uns in Ruhe an der Sache arbeiten und legt uns nicht Steine in Form von erneuerten SV´s und Hausverboten in den Weg.“

Geballte Kraft und Gruppenstärke – das mag beim Hooliganschlagabtausch auf der Wiese helfen, „Stimmung“ ist aber nicht automatisch „inklusive“, wie Scenario nachhaltig beweist.

Scenario 2012 – schlagkräftig gegen politische Gegner_innen

„Geballte Kraft“ und „Gruppenstärke“ bewies man auch an anderer Stelle, außerhalb des Stadions. Während einer Sommerparty im Nazizentrum in der Odermannstraße 8 am 18.8.2012 zog Scenario das Auge der OrdnungshüterInnen auf sich. Einigen SL-AnhängerInnen wurde es im Innenhof der Trutzburg, aus dem u.a. Musik der Nazi-Band Gigi und die Braunen Stadtmusikanten schallte, scheinbar zu eng. Sie suchten die Sommerfeier eines benachbarten Kunstvereins auf, bepöbelten und bedrohten dessen Gäste. Es fielen Sprüche wie „Scheiß Zecken“ und „Jud Süß“, ebenso wurde Gewalt angedroht. [9]

Die Polizei verhinderte in dieser Nacht, dass es zu tätlichen Angriffen der Fußball-Anhänger auf die Kunstvereinsgäste kam, wurde beim Zurückdrängen der Meute ins Nazizentrum allerdings selbst, u.a. mit Pflastersteinen, attackiert, wobei vier Beamte verletzt wurden. Mehrere der Angreifer trugen das Scenario-Motto-Shirt mit der Aufschrift „Leipziger Tradition“. Auf der Rückseite prangt das patriotisch-nationalistische, aus der Kaiserzeit stammende Motto: „Enkel mögen kraftvoll walten, schwer Errungnes zu erhalten“ [10]. Dieses T-Shirt erlebte sein offizielles Verkaufsdebüt erst eine Woche später am 26.8. am Verkaufsstand von Scenario beim Lok-Heimspiel. Eine weitere Woche später säumte es die Reihen des Fanmarsches zum Leipziger Zentralstadion, wo das als Sicherheitsspiel eingestufte Derby zwischen RB und Lok stattfinden sollte.

Mit dem eigens organisierten und angemeldeten Fanmarsch, an dem an die 2000 Lok-Fans teilnahmen, erreichten die Aktivitäten von Scenario einen vorläufigen Höhepunkt. Selbst die Leipziger Volkszeitung wies im Vorfeld darauf hin, dass die Organisatoren als „Lok-Problemanhänger aus dem rechten Spektrum“ gelten. Der Sicherheitsbeauftragte des Vereins, Steffen Kubald, wußte darauf nicht mehr zu sagen, als dass der „Umzug nichts mit dem Verein zu tun“ habe. Ein Lippenbekenntnis, denn im Umgang mit der Fangruppe und ihren Devotionalien gibt sich der Verein gelassen. Das auch bei den Bedrohungs- und Übergriffsaktionen in der Odermannstraße aufgetauchte „Leipziger Tradition“-T-Shirt wurde während des Derbys nicht nur von großen Teilen des Fanmarsches getragen, sondern auch von Spielern und Betreuer_innen des Vereins selbst. Das geschützte offizielle Lok-Logo, dessen Nutzung vom Verein eigentlich freigegeben werden muss, ist Bestandteil des grafischen Dilettantismus auf dem „Traditions“-Shirt. Das Vereinslogo prangte auch auf dem Riesentransparent, das Scenario während des Derbys gegen RB enthüllte. Darunter stand die Formel „Ehre und Stolz“ [11], eine Formel nationalistischer, reaktionärer Bewegungen und beliebtes Motiv auf Nazi-Bekleidung. Für die Anfertigung des Transparentes nutzten die Scenario-GängerInnen das Vereinsgelände des 1. FC Lokomotive. Immer wieder kehrendes Thema der Choreografien ist auch das seit Anfang 2012 in neuer Trägerschaft arbeitende Leipziger Fußball-Fanprojekt, das von Scenario abgelehnt wird. “Outlaw boykottieren – Zusammenhalt demonstrieren”, so eine der entsprechenden propagandistischen Interventionen im Stadion.

Hat auch Tradition: Ignorieren und Leugnen

Das Problem starker und gewaltsam auftretender rechter Fans beim 1. FC Lokomotive Leipzig ist seit Jahren hinlänglich bekannt. Doch nicht einmal dies zuzugeben, ist der Verein bereit. Wurde bei den Blue Caps auf öffentlichen Druck hin noch reagiert, verweigert Lok bezüglich Scenario jeglichen Kommentar. Von Handeln kann erst recht keine Rede sein. Dabei ist den Altvorderen des Vereins, allen voran dem gegenwärtigen Sicherheitschef und Vereinspräsidenten a.D. Steffen Kubald, durchaus bekannt, wie es Bestrebungen von Fans und Fangruppen ergeht, die in Abgrenzung oder einfach neben SL ihren Platz im Stadion such(t)en. Scenario reagiert mit Drohungen und im äußersten mit Gewalt. Mit sozialpädagogisch ausgerichteten Fußballfanprojekt wird wird nicht kooperiert. Verschiedene Kommunikationsversuche und Verabredungen werden seitens des Vereins ausgesessen.

Es verwundert vor diesem Hintergrund kaum, dass als neuer Vereinsfanbeauftragter ausgerechnet Udo Ueberschär im Gespräch ist. Ueberschär war Chef des ehemaligen Fanprojektes, das Nazis über Jahre Räume und Ressourcen bot und einen mehr als mangelhaften sozialpädagogischen Anspruch aufwies. Ueberschär verhinderte über mehr als zwei Jahre mit dem sächsischen Innenministerium im Rücken den von den Gremien des Stadtrates beschlossenen und dem DFB unterstützten Übergang der Trägerschaft für die unabhängige Fußballfanarbeit an den neuen Träger Outlaw gGmbH. Jetzt verhindert das Duo Kubald-Ueberschär eine offene Problemanalyse der Lok-Fanszene und das Tätigwerden des neuen Fanprojekts, das explizit im Sinne einer demokratischen, toleranten Fankultur arbeitet. Um den eigenen Unwillen zu kaschieren, gibt der Verein die Unfähigkeit des Fanprojektes vor, Zugang zur Fanschaft zu finden. Mit dieser Tatsachenverdrehung beantragte Lok im Herbst 2012 beim Innenministerium die Finanzierung eines eigenen Fanprojektes, was allerdings abgelehnt wurde.

Anfragen von Medien bezüglich des Umgangs mit Scenario und dessen Neonazi-Protagonisten sitzt der Verein aus. Kein Wunder, denn angesichts von Verkaufsständen bei Spielen und der scheinbar unwidersprochenen und durch zahlreiche VereinsprotagonistInnen sogar unterstützten Verbreitung des „Leipziger Tradition“-T-Shirts, müsste der Verein die Unterstützung einer sogar vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuften Gruppierung öffentlich eingestehen.

Die Stadt Leipzig scheint ebenfalls nicht gewillt, den Verein zum Handeln zu bringen. Obwohl dem zuständigen Sportamt Informationen über die neueren Erkenntnisse des Verfassungsschutzes vorliegen, lautet die Antwort auf eine öffentliche Stadtratsanfrage: „Das Landesamt für Verfassungsschutz hat an die Stadt Leipzig bisher keine Erkenntnisse hinsichtlich beobachteter Fangruppierungen des 1. FC Lokomotive Lok übermittelt.“ [12]

Auch der Rest der Antwort zeugt vom Unwillen der Stadt, das offensichtliche Problem zu benennen. Vielmehr wird der ebenso untätige Verein in Schutz genommen. So bewegen sich laut Antwort „Fangruppierungen im Umfeld des Sportvereins 1. FC Lok, ohne aber zugehörig zu sein und ohne dass das Einverständnis des Vereins für diese einseitige Sympathie vorliegt“. Diese fadenscheinige Behauptung wird nicht nur durch die massive und geduldete Präsenz von Scenario bei jedem Spiel oder die benannten Verkaufsstände am Stadion widerlegt, sondern auch durch Informationen aus anderen Gremien. So gibt es laut Sicherheitschef Steffen Kubald Absprachen und Vereinbarungen mit Scenario. Absprachen lassen sich allerdings nur treffen, wenn auch miteinander gesprochen wird. Die Schwierigkeit der „Identifizierung gewaltbereiter und rechtsextremistischer Fans“, die Vereinschef Notzon in einem Brief an das Sportamt entschuldigend vorbringt, ist zudem unglaubwürdig: Sowohl Steffen Kubald als auch Udo Ueberschär kennen aus den Zeiten des alten Fanprojektes den harten Kern von Scenario sehr gut.
Die Stadt Leipzig hätte, wenn sie wollte, ausreichend Möglichkeiten den Verein unter Druck zu setzen. In die 2010 novellierte Sportförderungsrichtlinie ist explizit ein Antidiskriminierungsparagraph aufgenommen worden. Demnach darf der/die Empfänger/in von Sportförderungsmitteln „kein gewalttätiges, rassistisches antisemitisches oder anderweitig diskriminierendes Gedankengut“ pflegen oder verbreiten. Es drohen Ausschluss aus der Förderung oder sogar Rückforderungen[13]. Auch das derzeitige Interesse des 1. FC Lok, das Erbbaupachtrecht für das Bruno-Plache-Stadion mit Unterstützung der Stadt vom Insolvenzverwalter zurückzukaufen, könnte an die Bedingung geknüpft werden, einen adäquaten Umgang mit neonazistischen Fans an den Tag zu legen.

Das Stadion ist der Tellerrand?

Doch Stadt und Verein reden sich mit einer alten und beliebten Formel raus: Unsere Zuständigkeit endet am Ausgang des Stadions. Wenn Scenario also anderswo menschenverachtende Ideologien propagiert oder bspw. in und um das Nazizentrum in der Odermannstraße Gewalt gegen Menschen ausübt, die nicht in ihr Weltbild passen, hätte das nichts mit ihrem Status als Lok-Fangruppe zu tun. Über die Feinheit des Verwendens des Lok-Vereinslogos wird hinweg gesehen. Viel schlimmer aber noch, wird so die gesellschaftliche Verantwortung, die sowohl Sportvereine als auch Stadtverwaltungen haben, geleugnet.

Im Jugendhilfeausschuss der Stadt Leipzig verdeutlichte im September 2012 der Bericht eines Jugendclubs aus Liebertwolkwitz sehr gut, worum es geht: Nach Aussagen des dort tätigen Sozialarbeiters hätten sich nach der Sommerparty von Scenario einige etwa 14-jährige Clubbesucher bekannt, bei jener Veranstaltung im NPD-Zentrum gewesen zu sein und zu Scenario zu gehören.

Scenario macht also Jugendarbeit, die natürlich über die Zeit im Stadion hinausgeht und den Einstieg in die Neonazi-Szene ebnet. Scenario ist für viele jugendliche Fans der zentrale Identifikationspunkt ihres Fanlebens, die, die im Stadion die Stimmung machen und die auch nach dem Spiel eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Wenn der Verein nicht endlich aktiv wird, wird er perspektivisch für nicht-rechte Menschen noch unattraktiver werden. Schon jetzt lässt sich eine Abnahme der Besucher_innenzahlen bei Spielen konstatieren, was wohl nicht nur an den mäßigen sportlichen Erfolgen des Vereins liegt. Die Frage ist, ob der Verein, flankiert durch die Stadt, einer nicht-rechten, demokratisch orientierten Fanschaft den Weg ebnen oder doch sein Stillhalte-Abkommen mit den Nazis von Scenario Lok aufrecht erhalten will. Letzteres wäre wohl eher die Fortsetzung einer dürsteren Leipziger Tradtion – ein braunes Szenario.

 

Anmerkungen:
[1] „Wir sind die Krieger – wir sind die Fans – Lokomotive Hooligans“
[2] Entsprechend seiner „Qualifikation“ tritt W. bei Neonazi-Aufmärschen als „Ordner“ in Erscheinung, so 2012 in Magdeburg und Dresden. W. gehört mutmaßlich zum sogenannten „Ordnungsdienst“ der NPD / JN, der 2010 von hochrangigen NPD-Mitarbeitern in Vorbereitung auf den „Trauermarsch“ anlässlich des 13. Februars in Dresden gegründet wurde. Während einem seiner Einsätze in Geithain, am „Tag der Identität“ der dortigen „Freien Kräfte“-Struktur, wurden zwei junge Menschen in einem Park aus einer größeren Gruppe Neonazis heraus angegriffen und verletzt. Marcus W. hatte Hausverbot bei Lok wegen eines äußerst brutalen Angriffs von Anhängern des 1. FC Lokomotive nach einem Spiel der BSG Chemie Leipzig im Oktober 2009; siehe auch: http://agdoc.wordpress.com/2009/10/04/brutaler-neonazi-uberfall-nach-fusballspiel-der-bsg-chemie-leipzig-fordert-schwerverletzten]
[3] im VS-Sprech natürlich „rechtsextremistisch“; [VZ online vom 07.12.2012
[4] neben Marcus W. sind dies u.a. die „Twins“, Dittmar und Andreas Sch., der NPD-Stadtratskandidat Andreas Siegel oder Istvan Repaczki, ehemals führender Kopf der Leipziger Naziszene. Vgl. dazu: Schöler, Martin: „Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt“, Publikative.org, erschienen am 2. September 2012.
[5] http://www.chronikle.org/ereignis/lok-fangruppierung-blue-caps-bewirbt-demonstration-jn
[6] http://www.chronikle.org/ereignis/lok-leipzig-neonazis-trauermarsch-verstorbenen
[7] http://forum.football-thugs.net/hooligans-deutschland/1-fc-lokomotive-leipzig-230/1-fc-lokomotive-leipzig-5461/index9.html
[8] Dieser Reim stammt aus dem Titel „Das Ende“ der neonazistischen Band Sleipnir: „Man macht uns zu Verbrechern, zu finsteren Gestalten, doch so lange Deutschland fällt, werden wir die Stellung halten.“
[9] http://www.chronikle.org/ereignis/nazidrohungen-beenden-sommerfest-leipziger-kunstvereins
[10] Das ganze Zitat lautet: „Unsrer Väter heißes Sehnen/- Deutschlands Einheit – ist erstritten./ Unsre Söhne haben freudig/ Für das Reich den Tod erlitten./ Enkel mögen kraftvoll walten,/ Schwer Errungnes zu erhalten!“ Das Motto fand sich unter anderem auf dem 1946 abgerissenen Siegesdenkmal in der Leipziger Innenstadt, welches an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnerte. In der patriotisch-nationalistischen Stimmung des Kaiserreichs spielte es auch in der Gründungszeit des DFB eine wichtige Rolle. Zur Eröffnung des Bruno-Plache-Stadions 1922 soll der damalige Vereinspräsident das Motto ebenfalls zitiert haben. Vgl. u.a.: Havemann, Nils: Fußball unterm Hakenkreuz, Mainz 2005. S. 34. Zum Siegesdenkmal: http://www.leipzig-lexikon.de/DENKMAL/sieg.htm
[11] http://web331.webgo24-server6.de/scenario/2012_lok_rb/IMG_8999.html
[12] http://jule.linxxnet.de/index.php/2012/11/antwort-auf-anfrage-zu-neonazistischen-bestrebungen-beim-1-fc-lok
[13] http://www.leipzig.de/imperia/md/content/52_sport-undbaederamt/spof__-rl_endfassung.pdf

3 Gedanken zu „„Leipziger Tradition“ Neonazis in der Fanszene des 1. FC Lok Leipzig

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