Bewegung in Leipzig-Connewitz

Posted on | Oktober 27, 2011 | 14 Comments

Seit geraumer Zeit drückt sich der Protest gegen Stadthäuser und Luxussanierung in Connewitz in regelmäßigen Farb- bzw. Teerbomben- Beschüssen aus. Eine Debatte, die verbalen Austausch einschließt, ist überfällig Neben der Auerbachstraße ist vor allem das Sanierungsobjekt Wolfgang-Heinze-Straße/ Mathildenstraße Zielobjekt. Besitzer/ Verwalter des Mehrfamilienhauses war die Immobilienfirma Hildebrand und Jürgens, die das Objekt lauf Website-Info inzwischen verkauft hat. Ob die kontinuierlichen, in Kleinaktionen vollzogenen Proteste dafür Hintergrund sind, bleibt offen. Wahrscheinlicher ist, dass sich Häuser im Leipziger Süden zu besten Preisen veräußern lassen, ist der Stadtbezirk als Wohnquartier doch überaus beliebt.

Das denkt sich wohl auch Hildebrand und Jürgens. Die Firma vermietet in Leipzig mehrere Hundert Wohnungen, verwaltet „über 500 Einheiten“ und veräußert auch Immobilien. Im Süden, wo auch das Leipziger Büro des Immobilienunternehmens sitzt, gibt es unverkennbar aufkochenden Unmut über das Vorgehen. Neben oben benanntem Haus sollen in jüngerer Vergangenheit auch die Häuser Simildenstraße 8 (Sitz der Kiezkneipe „Frau Krause“) und Wolfgang-Heinze/ Selneckerstraße von Hildebrand und Jürgens aufgekauft worden sein  bzw. werden. (wichtige Anmerkung: die Simildenstraße 8 ist bis dato nicht verkauft worden)

Am vergangenen Wochenende eskalierte die Situation im Kiez. Laut AugenzeugInnenberichten griffen Securitykräfte, die das Haus Mathilden-/Wolfgang-Heinze-Straße zur Abwehr von Protestaktionen seit geraumer Zeit bewachen, junge Leute, die mit Sprühschablonen unterwegs waren, tätlich an und übergaben sie der Polizei.

Eine Nacht vorher war ein Auto, das mutmaßlich den Security-Mitarbeitern gehört, von Unbekannten angegriffen worden.

Spätestens diese Ereignisse zeigen, dass es in Connewitz ein Problem gibt, das Raum braucht um diskutiert zu werden. Es geht dabei nicht um Scharmützel zwischen Polizei, privaten Sicherheitsdiensten und vermeintlichen „Revoluzzern“. Vielmehr ist unausgesprochen eine Debatte um die Gestaltung von Stadt bzw. eines Stadtteils entbrannt. Eine Debatte, die nicht verbal, sondern praktisch ausgetragen wird.

Fakt ist, dass eine Debatte, die verbalen Austausch einschließt, notwendig ist. Konnte die Errichtung eines überdimensionierten, kommerziell orientierten Stadtteilzentrums am Connewitzer Kreuz vor zwei Jahren abgewendet werden, so bleiben zunehmende Luxussanierungen und Konflikte zwischen alternativen „alteingesessenen“ BewohnerInnen des Stadtteils und denen, die auf der Welle von Sanierungs-/ Aufwertungsprozessen in den Kiez ziehen, weil es „hip“ ist und weil sie sich das neu etablierte Preissegment leisten können. Verdrängung und Mietsteigerungen werden unwillkürlich folgen bzw. sind im Gange, denkt mensch nur an den zwangsweisen Umzug eines alternativen Spätshops zugunsten der Errichtung des „Netto“-Supermarktes.

Was ebenfalls bleibt sind nervtötende Polizeipräsenz und die Videoüberwachung des Connewitzer Kreuzes, die mit kurzer Unterbrechung nun schon 12 Jahre währt und Widerspruch dringend nötig hat. Genau wie das rechtliche Vorgehen von SpießbürgerInnen gegen die längst überfällige Errichtung des Streetballplatzes am Connewitzer Kreuz.

Unmut muss ernst genommen und nicht zwingendermaßen in Stadtteil-BürgerInnen-Bündnissen kanalisiert werden. Unmut muss allerdings ein Fundament bekommen, das über Farbbomben-Werfen und Handgreiflichkeiten mit Sicherheitsdiensten und Polizei hinaus geht.

Nachtrag: mehr als 100 Menschen folgten am Donnerstagabend, 27.10., einem Aufruf sich in Connewitz zu versammeln um sich gegen aggressive Security-Kräfte im Kiez zu positionieren. Sie zogen vor das Haus in der Wolfgang-Heinze-Straße/ Mathildenstraße, an dem sich just an diesem Abend keine BewacherInnen befanden.  An einem der das Haus umgebenden Baugerüst ist seitdem zu lesen “Gegen Wachschutz und Privateigentum”.

Comments

14 Responses to “Bewegung in Leipzig-Connewitz”

  1. frager
    Oktober 28th, 2011 @ 14:20

    was sagst du eigentlich dann zu solchen texten wie diesen?
    http://www.conne-island.de/nf/190/3.html

  2. Jule
    Oktober 28th, 2011 @ 16:25

    Das ist eigentlich n laengeren Text wert.
    Ich würd sagen, dass die SchreiberInnen damit beweisen, dass sie tatsächlich auf ner Insel leben, nicht chekken was sich da im Leipziger Süden an Stadtentwicklungs/Aufwertungstendenzen anbahnt.
    Der These, dass die Farb/Teerbomben keine politische Message haben, würd ich widersprechen, ebenso wie der am Ende aufscheinenden Diskussionsbereitschaft.. wenn Kids in ein CI Plenum kommen, werden sie wohl kaum ne Chance haben freimütig und gleichberechtigt zu diskutieren.. etc.
    Allerdings: wenn ein Schuppen, der beinah zusammenkracht, wie es beim CI der Fall war, saniert wird, heisst das noch lange nicht, dass sie in eine Reihe mit Aufwertung a la H.J. oder Stadthäuserbau gestellt werden müssen.

  3. Katha
    Oktober 28th, 2011 @ 17:33

    Wieso müssen Farbbeutelwürfe per se politisch sein?!
    Vielleicht ging es bei den Farbwürfen auf das Conne Island Vorderhaus auch lediglich darum, es farblich zu verschönern.
    Ich hoffe das ich mit dieser Vermutung richtig liege, da ich den neuen Anstrich ganz und gar nicht gelungen finde.

  4. Jule
    Oktober 28th, 2011 @ 20:43

    @ katha. mag sein. nicht jede farbbombe ist politisch, richtig.
    wenn das dann als disput ueber aesthetische ansprueche ausgetragen wird, gern.. der CI Text macht aber Front gegen Gentrifizierungskritik bzw. kritische Debatten und Aktionen gg Aufwertung und verunglimpft es als kleingeistiges, den kiez romantisierendes Denken. Letzteres gibts sicher, aber – wie immer – wirds vollkommen uebertrieben in den raum gestellt. (ich nehms mal als gezielte Provo, was ja auch diskussionsausloesend sein kann)

  5. Wolke
    Oktober 29th, 2011 @ 11:11

    Danke für die Einschätzung.
    Bin ja gespannt, wie es mit Frau Krause dann weiter geht.
    Dass H&J, bzw die neuen Eigentümer irgendwann zur Selbstjustiz greifen, war zu erwarten. Ok, Selbstjustiz ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber es stößt schon bitter auf, wenn ich mir vorstelle da nachts vorbei zu gehen und von irgendwelchen dicken Security nieder gerungen zu werden, nur weil ich ne Schablone und ne Spraydose dabei hab .. :S .. dachte, das darf man hier .. in meinem Kiez.

  6. exmieter
    November 1st, 2011 @ 14:16

    H und J geben einfach ein SuperFeindbild ab. Hohe Mieten, sehr schlechte Manieren den MieterInnnen gegenüber, und die dickste Villa auf der bornaischen noch dazu.

    trotzdem gefallen mir sanierte Gründerzeithäuser besser als die Styrowohnwürfel, die jede Grünfläche okkupieren und nach zwanzig Jahren vermutlich wieder abgerissen werdne müssen.

  7. Jule
    November 2nd, 2011 @ 08:15

    Update:
    Laut Aussagen von Hildebrand und Jürgens gab es in Connewitz keine Kündigungen -in den von ihnen sanierten Häusern – und Mietsteigerungen bis 20 % (das ist im gesetzlich zugelassenen Rahmen, bei Sanierungen …). Die Security wurde tatsächlich abgezogen nach den Vorfaellen am 22./23.10.
    Und schliesslich: das “Krause-Haus” in der Simildenstraße ist noch nicht verkauft.Zwar hat HJ das höchste angebot gemacht, es ist aber fraglich obs zum Verkauf kommt.
    Es ist essentiell, dass mögliche negative Erfahrungen mit HJ aufgeschrieben und öffentlich gemacht werden, offenkundig gibt es ja solche Erfahrungen. Mit Gerüchten lässt sich aber schlecht agieren..

  8. vernunft
    November 2nd, 2011 @ 10:25

    schlechte erfahrungen mit hildebrandt & juergens?

    mietpreise nach sanierung am oberen level der marktueblichen preise – sehe ich aber nicht als problem, da niemand gezwungen wird diese preise zu zahlen.
    positiv kann man diese firma trotzdem erwaehnen.
    die sanierungen der firma (welche ich kenne) sind keine 0815-billig-sanierungen, aber auch nicht zwingend sog. “luxussanierungen”.
    mit solchen begriffen kann man gut politisieren, verkennen aber das eine nachhaltige und wertige sanierung eben auch geld kostet.
    wer billig saniert, zahlt im uebrigen auch schlecht…aber die bezahlung der ausfuehrenden handwerker spielt in der gentrifizierungsdebatte sicherlich keine rolle?

  9. Mieter
    November 4th, 2011 @ 12:22

    Kündigungen gab es bei uns definitiv, gefolgt von Mietpreissteigerungen um 50%.
    Die Sanierung hat mehr kaputt gemacht als repariert, außer schöner Optik natürlich.
    Die Verdienstverhältnisse der Bauarbeiter kenne ich nicht, aber dem Gesamteindruck nach würde es mich sehr wundern, wenn deren Arbeitsbedingungen über dem Durchschnitt liegen sollten.
    Und der Umgang mit den Mietern ist scharf an den Grenzen des Strafgesetzbuches.
    Erfahrungen sammeln könnte sich lohnen, gibt es dazu einen Termin für ein Treffen?

  10. Jule
    November 4th, 2011 @ 13:06

    50 % geht eigentlich nicht, rein gesetzlich, dächte ich: http://de.wikipedia.org/wiki/Mieterh%C3%B6hung#Die_Mieterh.C3.B6hung_bis_zur_orts.C3.BCblichen_Vergleichsmiete

    Treffen wäre super, es gibt noch weitere leute mit erfahrungen und lust die zu sammeln. Terminvorschlaege?

  11. Mieter
    November 4th, 2011 @ 13:41

    Gesetzlich geht das nicht, aber wenn erstmal ein Kündigungsgrund gefunden ist, geht alles..

    Terminvorschläge.. Keine Ahnung, wie wäre beispielsweise Donnerstag, 10.11.?

  12. Jule
    November 6th, 2011 @ 22:19

    @ Mieter.
    wäre cool sich vorher im kleinen rahmen zu treffen und so ein treffen und die mobi dafür kurz vorbereiten könnte. vielleicht mal direkt per mail kommunizieren und verabreden?

  13. M.
    November 7th, 2011 @ 10:37

    H+J – sehr sympathisch auch beim Wohnungs-besichtigen (vor ca. 1 Jahr):
    “Ach, Hartz-4-Empfänger…nee sowas nehmen wir eigentlich nicht…”
    Wobei das freilich nicht nur bei denen ein Selektionskriterium darstellt.

  14. MArtin
    Dezember 31st, 2013 @ 09:25

    Als kleine Ergänzung möchte ich hier hinzufügen, dass ich gerade sehr günstig eine Wohnung im südlichen Connewitz erstanden habe, die derzeit für 4,42 vermietet wird. Da ich die Finanzierungskosten nicht tragen kann, wird die Miete auf 6 EUR steigen und das ist immer noch unter dem marktüblichen Niveau.

Leave a Reply





  • Landtagswahl 2014




  • Letzte Tweets

    Follow Me on Twitter